Tiefenzeit

Wenn ich in sternenklaren Nächten innehalte und in die Weite des leuchtenden Nachthimmels schaue, erwacht in mir ein Gefühl ehrfürchtigen Staunens im Schauen der Schönheit des Alls. Ich sehe ein Lichtmeer vibrierender Lebendigkeit. Lichter aus Jahrmillionen treffen auf meine Augen und in mir formt sich ein Bilde des Alls.


Wir gewahren, wie die Sterne entstehen und vergehen, wie das Leben wird und sich wandelt, doch sobald wir vermeinen, das Geheimnis des Alls zu enthüllen, wird das Staunen größer und wir greifen in die endlose Leere des Unsagbaren. Wir sind aus Sternenstaub und kósmischer Liebe gewoben. Wir können uns in die Weite des Kósmos hineinträumen, hineinfühlen, hineingewahren, in der Stille, so weit, so tief:

Die lebendige Erde im Kósmos

Wir leben auf einer überaus lebendigen Erde, aus der wir hervorgegangen sind, die in uns zum Bewusstsein ihrer selbst erwacht und die mit der Sonne und unseren Geschwisterplaneten Teil einer Galaxie ist, deren Sternenschweif wir in klaren Nächten am Himmelszelt bewundern können. 


Der Sternenweg am Himmel wird von rund 300 Milliarden Lichtpunkten erleuchtet und die Weite unserer Milchstraße liegt bei über 100.000 Lichtjahren. Unsere Galaxie ist wiederum Teil des Galaxienclusters Laniakea mit über 100.000 Galaxien. 

 

Unserer Erde ist mit ihren 4,6 Milliarden Jahren in einem reifen Alter. Die Lebenszeit unseres Planeten beträgt rund 7 Milliarden Jahre, bevor Erde und Mond mit der Sonne verschmelzen.


Der gesamte Kósmos ist vor 13,8 Milliarden Jahren entstanden und beheimatet mehrere hundert Milliarden Galaxien. Mit dem Akzent in Kósmos soll an die altgriechische Bedeutung in integraler Perspektive angeknüpft werden: Kósmos, die Gesamtheit von Materie, Leben, Geist und GEIST. Ähnlich der Bezeichnung der Erde als Gaia I, II, III, als lebendige Gesamtheit von Materie, Leben, Geist und GEIST. Die Vorstellungen I, II über den Kósmos und Gaia sind begrenzt und vorläufig. Und sicherlich ist das für uns heute rudimentär erfassbare Universum auch eingebunden in noch größere Wunder von Sphären und Dimensionen:

Die Gegenwart der Tiefenzeit

Nachdem ein riesiger Stern an sein Lebensende angelangt war und in einer gigantischen Supernova explodierte, formierte sich aus seinem “Sternenstaub“ vor 4,6 Mrd. Jahren unsere Sonne mit ihren Planeten. Unser Dasein ist tief verwurzelt in der Erde und ihrem Werden. Die enorme Zeitspanne unserer Daseinsreise können wir vergegenwärtigen, wenn wir uns in die Tiefenzeit begeben. Auf einem „Deep Time Walk" können wir uns die Daseinsentwicklung während einer Wanderung über 4,6km bewusst machen. Jeder Meter entspricht dann einer Million Jahre.


Ich praktiziere den „Deep Time Walk“ auf dem Sternenweg in Asturien gerne beim langsamen Gehen über eine Strecke von 460 Metern. Mein Lieblingspfad für dieses Hineinsinken in die Tiefenzeit befindet sich an einem der Kronenfelsen in der Sierra de las Coronas im östlichen Suevegebirge. Jeder Meter entspricht 10 Millionen Jahre.

 

Auf den ersten Metern spüre ich, wie sich Erde und Mond formen und ihren Tanz beginnen, wie sich erste Erdkrusten verfestigen und der erste Regen vom Himmel fällt. Nach 50 Metern spüre ich die Brandung eines Ur-Ozeans. Auf der Mikroebene sehe ich während der nächsten Schritte, wie sich unsere Vorfahren zu Bakterien formen. Nach 80 Metern begegne ich in meiner Vorstellung unserem Urvorfahr LUCA. Nach 210 Metern umschließt eine Membran mehrere Bakterientypen. Sie bilden einzelliges Leben. Nach 280 Metern: Mehrzelliges Leben, aus dem die unermessliche Lebensvielfalt von Pflanzen, Pilzen, Tieren und Menschen entstehen wird.


406 Meter: Die kambrische Explosion des Lebens breitet sich in den Meeren aus. Vor der Küste des Ur-Kontinents Gondwana pulsiert das Leben. Ein fossiles Vermächtnis von damals ist auf meinem Pfad der Tiefenzeit zum Greifen nah.


415 Meter: Der Knochenfisch überlebt das Massenaussterben des Ordoviziums. Er ist einer unserer Vorfahren und zugleich auch Vorfahr vieler unserer verwandten Erdlinge wie Amphibien, Reptilien, Vögel und alle Säugetiere.


440-445 Meter: Dinosaurier talpen durch den jurassischen Urwald. Ihre Spuren sind an der asturischen Küste noch heute gut zu sehen.


454 Meter: Ein kleines flinkes Säugetier, wie ein Frettchen, versteckt sich in Felsspalten und überlebt den Einschlag eines Meteoriten. Es ist der Vorfahr der Affen, auch der Trockennasenprimaten, zu denen wir Menschen gehören. 

 

454-458 Meter: Das heutige Asturien befindet sich näher am Äquator. Das Klima ist wärmer. Immergrüne tropische und subtropische Urwälder bedecken das Land. Lorbeer, Stechpalme und Efeu gehören dazu. In den subtropischen Urwäldern sind auch bereits einige Baumarten oder deren Vorfahren beheimatet, die in den späteren kühleren Klimaperioden gute Bedingungen vorfinden, zum Beispiel: Birke, Weide, Berg-Ahorn, Eiche, Buche, Linde, Waldkiefer und Eibe.


455-456 Meter: Einige Landsäugetiere entwickeln sich zurück zu Wasserlebewesen, zu Walen und Delfinen, deren Nachfahren vor der Küste Asturiens zu sehen sind.


458-459 Meter: Die Europäische Eibe entsteht vor 15 Millionen Jahren aus ihren triassischen Ahnen. Asturien ist ein Eibenland mit tausendjährigen Eiben. 

Elegía cantábrica from Jesús Sánchez Melado on Vimeo.

Die letzten Millimeter

10 Millimeter vor heute: Vor 100.000 Jahren waren Höhlen des Sueve-Bergmassivs und seiner Ausläufer bewohnt. 


5 Millimeter vor heute: Vor 50.000 Jahren lebten in Höhlen der Sierra del Sueve Neandertaler und Homo sapiens gemeinsam. 


3,5-1,5 Millimeter vor heute: Die Höhlenmalereien entstehen. 


1 Millimeter vor heute: Die letzte Eiszeit ist vorüber. 12.000 Jahre alte Erdschichten des Muniellos-Waldes sind aus dieser Zeit im Biosphärenreservat Muniellos erhalten. 


0,16 Millimeter vor heute: Priscillian und seine NachfolgerInnen. Priscillians Botschaft handelt von der SELBSTerkenntnis, vom EINSSEIN allen Lebens. Der Weg zur SELBST- und Gotteserkenntnis steht allen offen in allem, ruft Priscillian immer wieder aus und singt es der Sonne, dem Mond und den Sternen, den Bergen, Flüssen, Wäldern, Bäumen und der Erde als „tierra, ánima viviente“, als lebendes beseeltes Wesen mit der Kraft, Leben hervorzubringen. 


0,005 Millimeter vor heute: Seit dem Jahr 1971 nimmt sich ein Teil der Menschheit mehr von der Erde, als diese erneuern kann. 


460 Meter - heute: 1.000.000 Tier- und Pflanzenarten sind akut vom Aussterben bedroht. Wir befinden uns inmitten des sechsten großen Massenaussterbens unseres Planeten. 

 

SEIN lassen

Machen wir uns nichts vor. Da, wo die Menschheit noch vor einigen Jahren eine Wahl hatte und auf Messers Schneide balancierte, hat jetzt der Sturz in den Abgrund begonnen. Kipp-Punkte sind überschritten. Mit sehendem Auge und im Wissen um unser Tun vernichten wir die Lebensvielfalt unserer Erde.


Bisher vermochte unser Planet die kritischen Phasen der Erdentwicklung stets zur Seite des Lebens zu wenden. Die Erde hat Geduld. Sie erduldet und nimmt mit in eine neue Balance, was Bewusstsein weiter hervorquellen lässt. Unsere Vorfahren haben fünf globale Massenaussterben überlebt. Ob die Menschheit bei der Herausbildung einer neuen Balance mitwirken darf, dass hängt von ihrer Bewusstseinsentwicklung ab. Erwacht die Menschheit zu einem erweiterten Bewusstsein?

Lässt sie sich ein auf den Einklang des Lebens? 


Es ist an der Zeit, dass wir in den Abgrund blicken. In der Tiefe unseres Seins werden wir erkennen, was jetzt zu tun ist. Wir sind eingeladen, die Erdheilung zu unterstützen und die Selbstheilung der Erde als Teil unserer eigenen Heilung zu erkennen.


Es ist an der Zeit, dass wir uns der Milliarden Jahre unserer Reise bewusstwerden und unsere ursprüngliche lichterfüllte Seinskraft leben, die in jedem menschlichen Antlitz aufleuchtet. Wir sind Licht. Verbinden wir uns mit dem Licht und der Liebe, die durch alles wirkt und durch alles fließt.

Es ist an der Zeit. Verbinden wir uns mit dem Licht und der Liebe unserer Ahnen, den menschlichen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen, bis zurück zur Entstehung der Erde und des Kósmos. Mit unserem Ursprung verbunden können wir uns der Welt auf neue Weise zuwenden, offen und frei. 


In Liebe SEIN, in Sanftmut, Frieden, Freude und Licht, das lässt uns leichter und erfüllter leben und wir können dem nahen und fernen Nächsten und allem Leben leichter dienen, in Dankbarkeit und Freude Erd-Dienende sein. SEIN lassen statt seinlassen; Nicht-Tun statt nichts tun. Daraus entstehendes bewusstes Handeln lässt Raum für ein Wirkenlassen im Einklang mit dem Leben.

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