Der Ruf der Erde

Der Ruf der Erde Der Ruf der Erde. Alte Eibe in Asturien.

Das nordspanische Asturien gehört zu den letzten Refugien vieler bedrohter Arten: 
Bären, Wölfe und keltische WildpferdeWale, Delfine, Meeresschildkröten und Riesenkalmare; Urwälder und uralte Eiben; Arten, die nur hier vorkommen, wie der kantabrische Auerhahn.

 

Die Rückzugsgebiete für all diese Wunder des Lebens sind jedoch zunehmend in Gefahr. Das Überleben der bedrohten Tier- und Pflanzenarten in Asturien hängt auch von weltweiten Entwicklungen ab – das globale Artensterben ist in Asturien bereits deutlich spürbar.

 

2019 veröffentlichte der Weltrat für Biologische Vielfalt (ipbes) den bisher umfassendsten Bericht über das globale Sterben (Auszüge dt.). 1.000.000 Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. 

 

Wir befinden uns inmitten des sechsten großen Massenaussterbens unseres Planeten, verursacht durch einige der Trockennasenprimaten, die sich selbst „Homo sapiens“ (lat.: weiser, kluger Mensch) nennen. Der Weltrat für Biologische Vielfalt weist darauf hin, dass das Aussterberisiko in den letzten 40 Jahren noch einmal rasant zugenommen hat. Wir verursachen gerade die größte Erdkatastrophe seit dem Zusammenstoß der Erde mit einem Asteroiden vor 65 Millionen Jahren. Die Klimakrise beschleunigt das Aussterben der Arten in einer dramatischen Weise. Sie ist ein Symptom der rücksichtslosen Plünderung des Planeten.

 

Die Klimakrise - CO₂-Konzentration steigt weiter

Zu den wichtigsten Indikatoren der Klimakrise gehört, neben der globalen Temperatur, die Entwicklung der CO₂-Konzentration in der Erdatmosphäre, die in der sog. Keeling-Kurve (Wiki) seit 1958 gemessen wird. Charles Keeling hat nachgewiesen, dass die Konzentration durch Änderung der Landnutzung und die Verbrennung fossiler Brennstoffe ansteigt. Im Jahre 1987 wurde die CO₂-Konzentration von 350ppm überschritten. Das ist der höchste Wert seit einer Zeit weit vor dem Anbeginn der Menschheit. Ab diesem Wert gelten global verheerende Langzeitfolgen als wahrscheinlich. Im Jahre 2020 hat die CO₂-Konzentration u.a. an der Mauna Loa Messstation im frühen Februar 416ppm erreicht.

Nach den Projektionen des Weltklimarats muss der Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch gesenkt werden, um Netto-Null-Emissionen zu erreichen und um dann auf negative Emissionen zu kommen. Doch das Gegenteil geschieht. Die Emissionen steigen weiter. Die fossilen Brennstoffproduzenten werden weiterhin hoch subventioniert und die Handelswege für den ungehinderten Transport fossiler Brennstoffe werden mit militärischen Mitteln abgesichert. 

 

Während der Corona-Pandemie 2020 hat die Erde eine kurze Verschnaufpause. Dies könnte ein Chance sein. Doch schon werden in den reichen Ländern Milliarden für die Reanimation fossiler Industrien bereitgestellt. Milliarden für die fossile Luftfahrt, für fossile Kreuzfahrten und für fossile Brennstoffproduzenten, Billionen für ein erdschädigendes Wachstum. Die Armen dieser Welt leiden besonders unter der Pandemie. In den armen Regionen des Planeten können keine Billionen-Programme aufgelegt werden. Dort verhungert schon heute alle paar Sekunden ein Kind. 

 

Menschen, die in Armut leben, tragen auch die Hauptlast der Klimakatastrophe, doch sie sind nur für einen Bruchteil der globalen Emissionen verantwortlich. Die Hälfte der CO₂-Emissionen ist dem Lebensstil der reichsten 10% (Studie) zuzuschreiben. Den reichsten 20% sind sogar rund 70% der CO₂-Emissionen zuzurechnen. Die Reichen dieser Welt meinen zumeist noch, vor den Folgen der Klimakrise weitgehend sicher zu sein und ihren Lebensstil beibehalten zu können. Doch solange sich der erdschädigende Lebensstil dieser Minderheit nicht grundlegend ändert, gibt es keine Hoffnung auf den Fortbestand der Lebensvielfalt unseres Planeten. 

In den nächsten Jahren soll die Plünderung fossiler Ressourcen fortgesetzt werden. Fracking-Öl und Fracking-Gas drängen auf den Weltmarkt. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist bei Fracking-Gas offenbar noch höher als bei Kohle (The New Gas Boom). Schon bald könnte auch in Gijón eine Regasifizierungs-Anlage genehmigt werden, obwohl diese Anlage 2013 für illegal erklärt wurde, was 2016 in letzter Instanz bestätigt wurde. Dennoch: Das Gas-Terminal Gijón soll nun zu einem strategischen Zentrum im europäischen Gasmarkt ausgebaut werden. 

 

Die Region Gijón / Avilés leidet unter der hohen Luftverschmutzung (Plataforma Xixón). Gijón ist ein Zentrum für fossile Energien. Das Kohlekraftwerk Aboño am Hafen von Gijón gehört zu den größten CO₂-Emittenten Europas. Dort befindet sich auch eine riesige Kohle-Lagerstätte. Kohlestaubstürme belasten die Umgebung. Die Strände in Gijón sind hoch belastet (Video). In Asturien liegt die CO₂-Emission pro Kopf 340% über dem Rest des Landes.

 

Gijón (2 Grad und 4 Grad Szenario) gehört zu den Küstenstädten, die besonders hart von der Klimakrise betroffen sind, ebenso Villaviciosa, Avilés und Navia.

 

Bis 2050 wird sich das grüne Asturien grundlegend verändern. Die Niederschlagsmenge von derzeit durchschnittlich über 800mm wird auf unter 500mm sinken. Zusätzlich zu dem drastischen Rückgang der Jahres-Regenmenge werden kurzzeitige Starkregenereignisse zunehmen. Zu diesen alarmierenden Ergebnissen kommt eine Studie des Observatorio de la Sostenibilidad, die 2019 veröffentlicht wurde.

 

El lado oscuro del carbón en Asturias:

Globales Versagen von erdgeschichtlichem Ausmaß

In den 1960er Jahren wurde der Zusammenhang zwischen der Verbrennung fossiler Brennstoffe, dem CO₂-Anstieg in der Atmosphäre und dem Temperatur-Anstieg einem breiten Publikum bekannt. Der Astrophysiker Heinz Haber erreichte damals mit populären Radio- und Fernsehsendungen ein Millionenpublikum. In einem Begleitbuch zu diesen Sendungen präsentierte er den Zusammenhang mit einer anschaulichen Grafik für den Zeitraum 1860 bis 1960. Die dort gezeigten Trends gelten bis heute. (Vgl. Heinz Haber: Unser blauer Planet, Stuttgart, 1965, S.118)

 

Ohne Gegenmaßnahmen werden im 21. Jahrhundert „unvermeidlich irreversible Folgen globalen Ausmaßes eintreten“, warnten Klimaforscher 1971. Auch die Botschaft der Weltklimakonferenz im Jahre 1979 war deutlich: Fossile Brennstoffe und die Vernichtung von Wäldern werden „zu einem massiven Anstieg der atmosphärischen CO₂-Konzentration führen“. Auch der Charney Report von 1979 zu den Klimawirkungen durch CO₂-Emissionen wurde inzwischen vielfach bestätigt

 

In dem Bericht "Global 2000 - Global Future Time to Act" aus dem Jahre 1981 (S.137-139) wurde vor den Auswirkungen der Verbrennung fossiler Brennstoffe erneut eindringlich gewarnt. Der Temperaturanstieg im 21. Jahrhundert habe weitreichende globale Erschütterungen zur Folge. Die Festlegung eines Höchstwertes für die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre und ein internationaler Aktionsplan wurden auch in diesem Bericht dringend empfohlen.

 

Ein Aufruf der Deutschen Physikalischen Gesellschaft aus dem Jahre 1985 forderte ebenfalls zum sofortigen Handeln auf und zeigte Wege für eine Beschränkung der drohenden Klimakatastrophe auf. In den 1980er Jahren schien ein gemeinsames internationales Handeln greifbar nahe zu sein. Doch die Durchsetzung kurzsichtiger Interessen hat eine Umkehr verhindert. Jetzt hat das globale Versagen Auswirkungen von erdgeschichtlichem Ausmaß erreicht.

Nach dem Übereinkommen von Paris (2015) keimte kurzzeitig Hoffnung auf, doch die Plünderung des Planeten wurde seitdem fortgesetzt. Die Auswirkungen der Erderwärmung von 1 Grad sind heute deutlich spürbar und das 1,5-Grad-Ziel ist bereits außer Reichweite. Selbst für die Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad bis zum Ende des 21. Jahrhunderts sind bisher keine ausreichenden Maßnahmen eingeleitet worden. Die absehbaren Auswirkungen der Erderwärmung auf 1,5 Grad und auf 2 Grad wurden in einem Bericht des IPCC dargestellt. Und es könnte noch schlimmer kommen: Mit jeder zusätzlichen Tonne CO₂ aus fossilen Brennstoffen steigt das Risiko für das Überschreiten von gleich mehreren Kipp-Punkten und deren kaum vorhersagbaren Wechselwirkungen. 

 

Es führt kein Weg daran vorbei: Kohle, Öl und Gas müssen im Boden bleiben! 

 

Das Sterben der Erdlinge

Wir wissen es spätestens seit dem Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit aus dem Jahre 1972: Ohne sofortige wirksame Maßnahmen droht eine planetare Katastrophe. Doch zu einer Trendwende kam es nicht. Die Plünderung des Planeten nahm danach erst so richtig Fahrt auf.

 

Seit dem Jahr 1971 nimmt sich ein Teil der Menschheit mehr von der Erde, als diese erneuern kann. Der Weltüberlastungstag war damals der 21. Dezember. Heute sind bereits im Juli eines Jahres die erneuerbaren Kapazitäten unseres Planeten erschöpft. In Deutschland ist der Weltüberlastungstag Anfang Mai. Wenn alle Menschen einen so ressourcenfressenden Lebensstil führen würden wie durchschnittlich in Deutschland, dann bräuchten wir drei Erden

 

Die Erde und ihre Lebensvielfalt wurden in nur wenigen Jahrzehnten mehr geschädigt als jemals zuvor. Seit 1970 sind die im Living Planet Index erfassten Wildtierbestände um zwei Drittel zurückgegangen. Viele der Wildtiere sind vom Aussterben bedroht.

In den Dokumentationen Our Planet und 7 Kontinente (Antarktika, Asien, Süd- und Nordamerika, Australien, Europa, AfrikaMaking-of) werden einige der bisher noch überlebenden Wildtiere vorgestellt. Ein Beispiel ist die pazifische Population der Walrosse. Sie sind auf Eisflächen angewiesen. Das Eis schmilzt und die meisten der pazifischen Walrosse suchen auf einer kleinen Felseninsel Zuflucht. Mit einer ungeheuren Kraftanstrengung schleppen einige von ihnen ihre mächtigen Leiber einen steilen Hang hinauf. Mit ihren großen Stoßzähnen ziehen sie sich mühsam aufwärts bis zu einer Klippe, wo sie sich ein letztes Mal ausruhen. Dann stürzen sich diese riesigen Wunder des atmenden Lebens die steile Klippe hinunter. Hunderte Leiber sterben qualvoll an ihren inneren Verletzungen. Das Eis schmilzt weiter.

Behind the scenes I und Behind the scenes II

Das globale Sterben geht mit einer rasanten Geschwindigkeit vor sich. Bei den grundlegend bedeutsamen Fluginsekten ist in deutschen Naturschutzgebieten ein Rückgang von über 75% innerhalb von 27 Jahren festgestellt worden. Weltweit sind mehr als 40% aller heute noch lebenden Insektenarten vom Aussterben bedroht. Von den Amphibienarten sind ebenfalls mehr als 40% vom Aussterben bedroht (ipbes). Amphibien leben seit 360 Millionen Jahren auf der Erde und sind Anzeiger für den Zustand der Ökosysteme unseres Planeten.

Mehr als 85% aller ökologisch so überaus bedeutsamen Feuchtgebiete wurden bereits vernichtet (ipbes). Auch mehr als die Hälfte aller Naturwälder sind bereits verloren. Allein zwischen 1990 und 2015 wurden 239 Millionen Hektar Naturwald komplett vernichtet und 185 Millionen Hektar Naturwald stark geschädigt. Die für den Planeten so grundlegend wichtigen uralten Bäume und Wälder wurden fast komplett vernichtet. (WWF Waldbericht 2018)

 

Die große Mehrheit der Landtiere lebt in Wäldern und Wälder sind auf die Waldbewohner angewiesen. Ohne sie sterben die Wälder noch schneller und ihre Fähigkeit der Aufnahme von Kohlenstoff nimmt ab. Das Wunder der faszinierenden Lebensvielfalt in den Wäldern unseres Planeten wird immer mehr zu einer fernen Erinnerung. Seit 1970 sind die weltweiten Tierbestände in Wäldern durchschnittlich um mehr als die Hälfte zurückgegangen. (WWF-Waldbericht 2019)

Der Einbruch vieler Tierpopulationen und die Vernichtung der Naturwälder gehen einher mit einem weiteren Anstieg der Weltbevölkerung. Allein in einer einzigen Lebensspanne verdreifacht sich die Anzahl der Menschen von 3 Milliarden im Jahre 1960 auf bald 9 Milliarden. Gerade in reichen Regionen der Erde, in denen der Ressourcenverbrauch unvereinbar ist mit der Tragfähigkeit unseres Planeten, werden weiter Programme zur Steigerung der Geburtenzahl durchgeführt – bei gleichzeitiger Beschränkung der Zuwanderung und der Abwehr von Flüchtlingen. Vor der „Festung Europa“ wurde das Mittelmeer zu einem apokalyptischen Massengrab (Sea-Watch.org und Pia Klemp, Kapitänin).


Die Erde könnte 12 Milliarden Menschen ernähren. Doch dazu müsste die Plünderung des Planeten und die Zerstörung der Lebensgrundlagen gestoppt und die exzessive Lebensweise eines Teils der Menschen beendet werden. Weltweit landet etwa ein Drittel der Lebensmittel im Müll. Jährlich entstehen dadurch mehr als 38 Millionen Tonnen Treibhausgase, unzählige Tiere werden dafür in der Massentierhaltung gequält, gut 43.000 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Fläche werden dafür genutzt sowie 216 Millionen Kubikmeter Wasser verbraucht, alles nur, um im Müll zu landen. (Umweltbundesamt)

 

Gleichzeitig leiden mehr als zwei Milliarden Menschen an Ernährungsunsicherheit und sind gezwungen, regelmäßig Mahlzeiten auszulassen. Die Zahl der chronisch hungernden Menschen steigt an. Hungerspekulation und Landraub versprechen Milliardenprofite. Vgl. dazu das Buch von Jean Ziegler:  Wir lassen sie verhungern.“ (Rezension)

Globale Bewegungen für das Leben und der Mammonismus

Dank eines ausbalancierten planetaren Zusammenspiels, dank fruchtbarer Erde, Wäldern und sauberem Wasser in Flüssen, Seen und Ozeanen hat sich das Wunder des Lebens auf unserem Planeten entfaltet und Menschen hervorgebracht, denen jetzt die Entscheidung über die Zukunft des Lebens anvertraut ist. Es geht um die Erhaltung der Lebensgrundlagen. Es geht um die hauchdünne Luftschicht unseres Planeten, in der atmendes Leben möglich ist.

 

Hoffnungsvoll ist, dass sich immer mehr Menschen für das Leben auf unserem Planeten engagieren. Darunter viele junge Menschen wie die Sängerin Aurora oder wie Greta Thunberg (FB), die weltweite Unterstützung erfährt - zum Beispiel von Papst Franziskus und dem Dalai Lama. Weltweit haben sich ihr Menschen angeschlossen und demonstrieren unter dem Motto Fridays for Future, zum Beispiel in Asturien

 

Fridays for Future ist eine globale Bewegung - wie auch Extinction Rebellion (auch in Asturien). Hinzu kommen tausende von Initiativen auf regionaler und lokaler Ebene, z.B. die Waldschützenden im Hambacher Wald (FB-Notiz) oder die Initiativen rund um den Monte Sueve in Asturien: 
Der Ruf des Sueve und Antworten auf den Ruf.

 

Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Es ist niemals zu spät, die Lage nicht noch schlimmer zu machen!

An globalen Abkommen, nationalen und lokalen Absichtserklärungen fehlt es kaum. Doch das Beharrungsvermögen von Leben vernichtenden Strukturen und Systemen mit ihren Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Finanzen scheint ungebrochen (NachdenkVideos).

 

Selbst die optimistischen Projektionen des Weltklimarats setzen weitreichende Systemübergänge voraus, die „beispiellos bezüglich ihres Ausmaßes“ sind und für die es „kein dokumentiertes historisches Vorbild im Hinblick auf ihre Größenordnung“ gibt. Doch solche Befunde werden ignoriert. Systemkonforme kosmetische Klimapolitik und die Erhaltung der erdschädigenden Lebensweise der Habenden stehen im Jahre 2020 noch über allem. 

 

Profitmaximierung und Wachstum durch Plünderung des Planeten sind abgesichert durch Kriege und Militarisierung. Krieg und Militär sind nicht nur todbringend, sondern auch extrem umwelt- und klimaschädlich. Zu den größten CO₂-Emittenten der Welt gehört das US-Militär (vgl. Ramstein, Büchel). Allein das US-Militär emittiert mehr Treibhausgase als 140 Staaten. Die Stationierung neuartiger Atombomben in Europa und die Entscheidung, 2% des BIP der NATO-Staaten für Krieg und Militär auszugeben, lässt wenig Raum zur Hoffnung. Die Atomkriegsuhr zeigt 100 Sekunden vor 12.

 

„Die Welt ist im Krieg“, stellt Papst Franziskus fest. Es sei ein „Weltkrieg in Stücken“, ein „Krieg der Interessen, für Geld, Naturressourcen und die Herrschaft über Völker.“ Der Papst äußert sich deutlich gegen die Kriege zur Plünderung des Planeten, zur Profitsteigerung und zur Durchsetzung machtpolitischer Interessen. Die „Interessen des vergötterten Marktes“ und der Ressourcenraub führen zu immer neuen Kriegen, „die als eine Geltendmachung edler Ansprüche getarnt werden“, schreibt Papst Franziskus in seiner ENZYKLIKA LAUDATO SI’.

 

Nehmen wir uns zu Herzen, was Mercedes Sosa in ihrem Lied Solo le pido a Dios erfleht: „Nur das Eine erbitte ich von Gott, dass das Leiden mich nicht gleichgültig lasse, dass der bleiche Tod mich nicht allein und leer finde, ohne dass ich getan habe, was notwendig war auf dieser Erde.“

 

Der global wuchernde Mammonismus durchdringt scheinbar alternativlos Individuum und Gesellschaft. Fruchtbare Böden, natürliche Wälder, sauberes Wasser in Flüssen, Seen und Ozeanen und selbst die Atemluft werden dem Mammon geopfert. Der Messias des Mammonismus inkarniert in Marken und Märkten, durchdrungen von der allumfassenden Macht und dem Heilsversprechen der Immermehrgötter. Eine zunehmend kranke Welt mit zunehmend kranken Menschen ist die Folge und die Götter lachen sich krumm.

Der Ruf der Erde: Alles ist EINS!

Wir leben in einer Zeit mit epochalen Umbrüchen, deren Zeugen und Protagonisten wir heute sind. Noch verhalten wir uns oft wie Schlafwandler, die in einem kollektiven Alptraum gefangen sind. Wir vernichten unsere Lebensgrundlagen und zerstören die Lebensräume anderer Erdbewohner. Kommt es noch rechtzeitig zu einem Erwachen aus dem Alptraum? Hören wir den Weckruf? Hören wir den Ruf der Erde? 


Die Klimakrise und die globale soziale und ökologische Krise spiegeln unsere Innenweltkrise. Die tiefliegenden Gründe für den Zustand der Welt haben zu tun mit unseren Denkgewohnheiten und unseren verinnerlichten Werten, die heute in einer Vielzahl oft gegensätzlich erscheinender Formen aufeinanderprallen. Diese Denkweisen und Wertehorizonte bestimmen, was wir wahrnehmen und wie wir es interpretieren. Sie bilden die Grundlage für unsere Antwort auf die Frage, wer oder was wir sind. Eine Gemeinsamkeit vieler Antworten auf diese Frage ist der Glaube an die Getrenntheit voneinander. Wir denken, wir seien getrennt von anderen Menschen, Tieren, Pflanzen und Wesen, wir seien getrennt von der Erde und von dem allumfassenden Urgrund allen Seins.


Diese Ansicht ist naheliegend, denn unser Identitätsempfinden beschränkt sich gemeinhin auf unseren Körper und zuweilen auf die uns unmittelbar zugesellten Menschen. Die Alltagsprobleme dieser kleinen ichbasierten Welt übersteigen oft schon unsere Kräfte. Unmöglich, den Blick auf die Erde als Ganzes zu richten, zu groß scheinen die weltweiten Probleme zu sein und der Beitrag des Einzelnen zu unbedeutend, als dass er einen Unterschied machen könnte. Doch da ändert sich etwas. Viele Menschen beginnen damit, sich der Verbundenheit und der Einheit allen Lebens bewusst zu werden. 

Vielleicht können die Krisen unserer Zeit dazu beitragen, dass wir uns öffnen für den Ruf der Erde - eine lichterfüllte lebendige Erde, die uns ruft zur Besinnung zu kommen. Vielleicht kann die zeitlos anmutende Poesie von Rainer Maria Rilke dazu beisteuern, inne zu halten und die Erde um uns mit der Erde in uns in Resonanz miteinander zu bringen und die Einheit allen Lebens zu erahnen:

 

Weltenweiter Wandrer, Träume, die in Tiefen wallen, im Dunkel, lass sie los. Das Gewahren in wachsenden Ringen ist dann Aufgang, nicht Untergang. Aufgang in plötzlich entatmete Himmel zum Flug durch die Zeit. Es gibt so wunderweiße Nächte, da schimmert mancher Stern so lind, im dichten Diamantenstaube erscheinen Flur und Wind. Ein sanfter Windhauch durchs Herz dir weht, nur ein Lächeln lang, um dich an alles Leben zu verschenken. Vor lauter Lauschen und Staunen sei still. In die Liebenden reichen die Zeichen, weil sie, in Träumen voll Teichen, Blume spiegeln und Stein. Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt.

 

Die Wahrnehmung der Wunder dieser Welt kann dazu dienen, die Erinnerung an das wachzurufen, was jenseits ihrer aller liegt. Dann mag es zuweilen geschehen, dass unsere Seele ein Lied anstimmt, das uns hinüberträgt zum Erahnen des zeitlos Ewigen in allem. Wie in der Metapher vom Gesang der Nachtigall auf dem Sternenweg umhüllt uns dann ein Hauch von Ewigem.

Der Ruf der Erde: Ein Weckruf

Stellen wir uns die gegenwärtige Situation der Erde und ihrer Erdlinge als eine Geburt vor, die Geburt einer neuen Identität, eine neue Antwort auf die Frage, wer oder was wir eigentlich in unserer Essenz sind. Die Schmerzen der Geburt können vermindert werden und wir können schon allein durch die Achtsamkeit für unsere Atmung unsere Aufmerksamkeit für das, was in diesem Moment geschieht, erhöhen. Unser Atem ist der Atem des Lebens, der Atem der lebendigen Erde.

 

Befreit von Angst und inspiriert von der allumfassenden Liebe hören wir dann den Ruf der Erde in unserem Herzen. Es ist der Ruf aufzuwachen und der Weisheit der Erde zu lauschen, angesichts der Plünderung des Planeten und dem globalen Sterben der Erdlinge.

 

An vielen Orten des Planeten hören Menschen diesen Ruf. Sie antworten darauf auf ihre jeweils eigene Weise. Darunter befinden sich auch eher der Stille und Kontemplation zugeneigte WeisheitslehrerInnen, die jetzt ihre Stimme erheben. Sie verlassen die Einsamkeit und Abgeschiedenheit ihrer Klöster. In ihren Meditationen sehen sie gleichgerichtete Botschaften, die aus der Tiefe ihres Seins emporsteigen und die sich zu einem einzigen Aufschrei bündeln, ein Urschrei der Erde ertönt durch alles Leben. Er lässt die Erde erbeben, ein geistiges Beben, das selbst die bislang in sich gekehrten MystikerInnen der verschiedensten Traditionen veranlasst, zum sofortigen Handeln aufzurufen: Hört den Ruf der Erde und antwortet jetzt darauf!

Buchtipps:

Empfehlen Sie diese Seite auf: