Bruder Baum

Erfahrungen in der Natur können als ein Staunen in leuchtender Verklärung erlebt werden, als ein innigliches vereint sein mit den Wesen der Natur als unsere Geschwister auf dem Lebensweg.

 

Wie bereits der christliche Bischof Priscillian im 4. Jahrhundert und wie Naturmystiker aller spiritueller Traditionen, so kündet auch Papst Franziskus vom EINSSEIN in LIEBE, „die uns auch in zärtlicher Liebe mit Bruder Sonne, Schwester Mond, Bruder Fluss und Mutter Erde vereint.“
(ENZYKLIKA LAUDATO SI’, 92)

 

Priscillian sang es der Sonne, dem Mond und den Sternen, den Bergen, Flüssen, Wäldern, Bäumen und der Erde als „tierra, ánima viviente“, als lebendes beseeltes Wesen mit der Kraft, Leben hervorzubringen. 

 

Im Sonnengesang des heiligen Franziskus, ein Lobes-Hymnus auf die Schöpfung, ist die Geschwisterlichkeit der Natur wundervoll in einem Gebet eingewoben: Bruder Sonne, Schwester Mond und die Sterne, Bruder Wind, Schwester Wasser, Bruder Feuer und unsere Schwester, die Mutter Erde.

Unsere Geschwister aus der Welt der Pflanzen sind lebende und fühlende Wesen. Pflanzliche Intelligenz und pflanzliche Emotionen sind heute immer besser messbar. Die gehirnähnlichen Strukturen der Wurzelspitzen der Bäume senden und empfangen elektrische Signale. Bäume kommunizieren elektrisch, geruchlich und optisch. Sie hören und sprechen auf ihre Weise. Bäume haben auch ein Gedächtnis. Noch zu selten werden diese menschlichen Begriffe auf die Welt der Tiere und Pflanzen übertragen. Es könnte ja Empathie entstehen und kurzsichtige Interessen einiger Trockennasenprimaten, die sich selbst als „Homo sapiens“ bezeichnen, könnten tangiert sein – Primaten, die alle anderen Lebewesen als Sache anzusehen sich erdreistet haben. Sie zerstören die letzten Naturwälder und auch im asturischen Monte Sueve ist das alte Wald- und Baumheiligtum, der Eibenwald des Monte Sueve, in Gefahr. Nur wenige der uralten Eiben haben bisher überlebt.

 

Eine Wertschätzung von Bäumen und Wäldern und allem Leben ist vielen Menschen immer noch fremd. Doch vielleicht könnten Regelungen wie in der schweizerischen Bundesverfassung Schule machen und zu einem veränderten Denken und Handeln beitragen, dass nämlich „… im Umgang mit Tieren, Pflanzen und anderen Organismen der Würde der Kreatur Rechnung zu tragen ist“. Es wäre ein Verwandtenschutzprogramm, denn: Wir sind mit allen Tieren und Pflanzen verwandt. Unsere gemeinsame Mutter ist die Erde.

Wie man in die Natur hineinschaut, so zeigt sie sich in unserer Wahrnehmung. Das wird besonders deutlich, wenn man mit einer Gruppe von Menschen im Wald unterwegs ist, die unterschiedliche Erfahrungshintergründe, Denkweisen und Blickwinkel haben. Alle nehmen die Natur um sie herum auf ihre eigene persönliche Weise wahr. Da ist vielleicht eine Frau, die sich gut mit Heilpflanzen auskennt. Sie wird die heilenden Bestandteile der Bäume und die Heilkräuter im Blick haben und ihre Heilanwendung beschreiben können. Der Eigentümer einer Holzplantage wird den Stammumfang und die Höhe der Bäume im Blick haben und in Windeseile überschlagen können, welchen Erlös der Verkauf des Holzes einbringen kann. Ein Jäger wird vielleicht die Spuren der Tiere erkennen und Ausschau halten nach Wildschweinen und Rehen. Ein Viehwirt wird vielleicht überlegen, wo er das Waldland umbauen kann, um weitere Weidegebiete zu erschließen. Der Naturfilmer findet die nächsten Filmorte, an denen er den unermesslichen Reichtum und die Schönheit der Natur filmisch dokumentieren kann. Ein Kind eilt vielleicht von Blume zu Blume und erfreut sich einfach an den wundervollen Geschenken auf dem Wege.

 

Ist die Vielfalt dieser grobstofflichen Wahrnehmung ein und derselben Naturlandschaft schon immens, so potenziert sich die Anzahl der Perspektiven noch einmal, wenn man die subtilen feinstofflichen Wahrnehmungsmöglichkeiten erfährt und erst recht, wenn man den Versuch unternimmt, die Wahrnehmung aus der Perspektive nichtmenschlicher Wesen der Natur einzubeziehen. Eine Wildkatze, ein Mönchsgeier, eine uralte Eibe, ja ein Wald und eine Landschaft als Ganzes haben in gewisser Weise eine wesenhafte Innerlichkeit. Noch interessanter wird es, wenn wir über die Frage nach der Kommunikation zwischen Menschen und nichtmenschlichen Lebensformen nachdenken. Das Erspüren einer kommunikativen Verbindung mit Tieren, Bäumen und anderen Pflanzen, Wäldern, Bergen, Landschaften und der Erde als Ganzes ist ebenfalls eine Möglichkeit, die Natur zu erfahren.  

 

Jeder von uns hat persönliche Vorlieben und Fähigkeiten, in welcher Weise er oder sie sich mit der Natur verbinden möchte oder kann. Einige Formen der Naturerfahrung ermöglichen eine erweiterte Wahrnehmung der Natur, zum Beispiel wenn wir die Natur in Achtsamkeit mit all unseren Sinnen spüren, sie sehen, hören, tasten, schmecken und riechen oder wenn wir uns in Resonanz fühlen mit den subtilen feinstofflichen Energien in der Natur und in uns. 

Bäume sind weit mehr als Blätter, Äste, Stamm und Wurzeln. Sie sind vielmehr dynamisch sich regulierende Lebewesen. Sie leben in symbiotischen Beziehungen mit Pilzen und bilden komplexe Wechselwirkungen im Miteinander mit anderen Pflanzen und Tieren unter und über der Erde. Kilometerweit können sich Pilzfädengeflechte ausdehnen und Bäume untereinander und mit anderen Pflanzen vernetzen.

 

Die Waldökosysteme sind wiederum eingebunden in das Miteinander von allem, was auf der Erde geschieht. Die Wasserkreisläufe des Planeten hängen von den Wäldern ab. Wälder sorgen dafür, dass die Lebensadern unserer Erde, die Quellen, Bäche und Flüsse, lebenspendendes Nass über die Weiten der Kontinente verteilen. Wälder regulieren kühlend die Temperatur unserer Lebensräume und sie beheimaten eine immense Lebensvielfalt. In einer Handvoll Waldboden leben mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt.

 

Wir Menschen haben bisher nur einen winzigen Bruchteil der Wunder des Lebens rund um unsere Baum-Geschwister verstanden. Immerhin wurden erste Zusammenhänge zum Herantasten an ein besseres Verständnis der Kommunikationsprozesse zwischen Bäumen in Waldökosystemen entdeckt, die nun als Wood Wide Web (Video) bezeichnet werden. Auch das Verstehenlernen der multidimensionalen geistigen Innenwelten und der feinstofflichen Ebenen von Bäumen und Wäldern steht erst am Anfang. 

 

Was sich langsam bereits herumgesprochen hat ist: Naturnahe Wälder sind Anpassungskünstler, auch angesichts klimatischer Veränderungen. Jahrmillionen an Weisheit und Erfahrungen sind in Waldorganismen gespeichert. Die Epigenetik zeigt zudem, dass Lernerfahrungen zur Anpassung an veränderte Lebensbedingungen bereits auf die nächste Generation übertragen, ja vererbt werden. Mehr noch: Naturnahe Wälder sind intelligente und fühlende Organismen, die sich erneuern, wachsen, ausbreiten, umgestalten und optimieren können. Sie passen sich nicht nur an, sondern in einem wechselseitigen Miteinander gestalten sie ihre Lebensbedingungen so mit, dass sie damit gut leben können. Sie formen zum Beispiel ihr eigenes Mikroklima und erschaffen fruchtbaren Boden. Ihre erstaunlichen Fähigkeiten gründen auf Leben hervorbringender Erde, auf biologischer Vielfalt und auf der Weisheit der langlebigen alten Bäume. 

 

Dabei sei angemerkt, dass mit Wälder keine Forstplantagen gemeint sind, wie die rund 65.000ha Eukalyptusplantagen, die weite Teile des meeresnahen Asturien bedecken und die alle paar Jahre durch einen ökologisch katastrophalen Kahlschlag niedergemacht werden, während der Boden schwer geschädigt und degeneriert wird. (SEOBirdLife, Ecoticias)

Buchtipp: Waldwissen. Vom Wald her die Welt verstehen. Erstaunliche Erkenntnisse über den Wald, den Menschen und unsere Zukunft von Pierre L. Ibisch und Peter Wohlleben, 2023

Buchtipp: Integral Ecology. Uniting Multiple Perspectives on the Natural World von Sean Esbjörn-Hargens und Michael E. Zimmerman, 2009

Video: Suzanne Simard about “Mother Trees”, Presenting at Nobel Conference 2018

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© Ralf Pochadt