Priscillian und sein Vermächtnis auf dem Sternenweg: Priscillian und der Monte do Facho

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg - Der Ruf des Sueve

478 Seiten, mit vielen Zeichnungen und Fotos (s/w), 2. erweiterte Auflage 2018
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Auszug aus dem Kapitel "Priscillian und der Monte do Facho":

Ich machte mich gemeinsam mit meiner Tochter erneut auf nach Galicien. Als wir das Ende des Sternenweges Jahre zuvor erstmals besuchten, da hatte ich das Gefühl, dass der Sternenweg nicht etwa an einem einzigen Ort endet, sondern dass vielmehr die gesamte Region seit Urzeiten eine Art heiliges Territorium ist. Darum war es auch nicht so wichtig, wo wir in der Zeit unseres Aufenthaltes unterkamen. Wir wählten als Übernachtungsort einfach eine preiswerte Unterkunft in Meeresnähe. Unser Weg führte uns dadurch nach Cangas de Morrazo an der Ría de Vigo. Am Abend unserer Ankunft erkundeten wir die Umgebung unserer Unterkunft. Wenige Meter entfernt war die Anlegestelle der Fährschiffe nach Vigo. Ein Infoblatt viel uns ins Auge. Darin waren die Verbindungen zur Insel Cíes im Nationalpark Atlantikinseln aufgeführt. Am nächsten Morgen lief das Schiff demnach zum letzten Mal vor der Winterpause aus. Wir entschieden uns, an Bord zu gehen.

Es war ein wunderbarer sonniger Tag. Langsam näherten wir uns den ins Meer getupften Atlantikinseln vor der Ría de Vigo. Was für ein wundervolles Geschenk des „Zufalls“, dass wir diese Inselwelt entdecken durften. Eine tiefe durchdringende Stimme erschallte auf allen Decks des Fährschiffs. Die mehrsprachigen Erläuterungen zur geschützten Natur der Insel im Nationalpark und die Durchsagen zu den Verhaltensregeln an Land tönten durch die Lautsprecher an Bord und ließen die Spannung noch weiter ansteigen. Das war keine gewöhnliche Ausflugsfahrt. Es kam mir vor wie die Landung auf einem fernen Planeten. Gedanken an Avatars Pandora und an alte Mythen stiegen in mir auf. Ein Flug in eine ursprüngliche Welt, dorthin, wo in Mythen das versunkene Atlantis vermutet wurde, dorthin, wo sich die Insel der „Anderswelt“ der Kelten befunden haben soll. In tiefer Ehrfurcht und erfüllt von einem Staunen, das mein Herz weit öffnete, sah ich von weitem einen breiten, in der Sonne golden glänzenden Sandstrand.

Nach unserer Ankunft begaben sich viele der Ankömmlinge sogleich zum traumhaften Strand der Insel. Wir hingegen waren zum Wandern und Erkunden der Insel hier. Auf der Wanderroute „Alto del Príncipe“ gelangten wir nach einem kurzen Aufstieg zu einem Hochplateau, das an einen megalithischen Kultplatz erinnert. Einige Steinmonumente weisen Mulden auf, bequeme sesselartige Throne hoch über dem Meer am „Ende der Welt“, wo die Sonne am Abend ins Wasser eintaucht und ein oftmals spektakuläres Farbenspiel entfacht, dessen Zeugen wir an diesem Tage werden sollten.

Der Thron auf der Anhöhe „Alto del Príncipe“ wird „Silla de la Reina“ genannt, also ein Königinnenthron. Hier könnte tatsächlich so manche Königin verweilt haben. Die ehemaligen suevischen Königssitze in Tuy und Braga liegen nicht weit entfernt, etwas weiter südlich der Insel Cíes. Vom Thron der Königin aus ist der Strand Playa de Rodas zu sehen. Er verbindet den Nordteil der Insel Cíes mit dem südlichen Teil. Die britische Zeitung The Guardian kürte den Strand mit seiner naturbelassenen Umgebung zum schönsten Strand der Welt. Südlich der Insel Cíes ist die nahe Insel San Mariño zu sehen, ein weiteres Juwel des Nationalparks Atlantikinseln.

 

Im Buch folgt hier ein Foto: Insel Cíes: „Silla de la Reina“

 

Funde aus megalithischer Zeit, bronze- und eisenzeitliche Castros, Einsiedeleien und ein mittelalterliches Kloster (heute das Inselmuseum Cíes) zeugen von der frühen Besiedlung und der religiösen Bedeutung der Inselgruppe. Vom Nordosten der Insel Cíes aus sahen wir die Meeresküste bei Cangas de Morrazo. Diese Gegend wollten wir am zweiten Tag unseres Aufenthalts in Galicien erkunden.

Bei der Wanderung am folgenden Tag, hinauf zu einem Bergrücken hoch über dem Meer, stießen wir auf einen der rätselhaftesten Orte, die wir jemals besucht hatten: Das Heiligtum des Monte do Facho. Das Bergheiligtum thront 190 Meter über dem Meer. Die Lage hoch über dem Atlantik eröffnet wunderschöne Panoramablicke. Vorgelagert sind die Cíes-Inseln und die Insel Ons. Hier, inmitten einer wunderschönen Naturlandschaft, reicht der Blick über den Nationalpark der Cíes-Inseln hinaus auf die unendlich scheinende Weite des Meeres, wo die Sonne am Abend im Meer versinkt. Wie auch auf dem Hochplateau der Insel Cíes befinden sich auf dem Plateau des Bergheiligtums Monte do Facho markante Felsenmulden, wie bequeme sesselartige Throne hoch über dem Meer. Auch einen Ritualstein mit runden Öffnungen und Felsensteine mit Feuerstellen entdeckten wir hier.

Die atemberaubende Erhabenheit dieses Ortes zog uns auf eine geradezu magische Weise in ihren Bann. Sofort erwachte mein Interesse an diesem außergewöhnlichen, ja einzigartigen Ort. Ich wollte mehr darüber in Erfahrung bringen und befragte Menschen, die hier in der Nähe wohnen und suchte später auch virtuelle Bibliotheken auf. [[i]]

Im Sakralbezirk des Monte do Facho befand sich eine Art „Altarwald“ mit dicht beieinanderstehenden Weihealtären. Die Stifter der Altäre sind lediglich in zwei Inschriften genannt. Dabei handelt es sich um Frauen mit den Namen Aeburina (Eburina) und Coemia. Als „Altarwald“ wird der Sakralort von Einheimischen bezeichnet, die uns Geschichten und Legenden rund um diesen einzigartigen Ort erzählten. Die gemeinschaftlichen Rituale am Monte do Facho hatten demnach zugleich religiöse und soziale Funktionen. Das gemeinsame Erleben von Anrufungen, Gesängen, Gebeten, die Düfte des Räucherwerks, die Klänge der rhythmischen Lieder, die rituellen Tänze und Gebetsgesten, die Fackel-Prozessionen, all das wurde in den Erzählungen lebendig. Der Pilgerweg hinauf zum Heiligtum des Monte do Facho wird seit jeher auch als Weg der „Santa Compaña“ angesehen. [[ii]]

Als ich auf einem der natürlichen Steinthrone saß und den Blick auf das offene Meer richtete, da erschienen mir die Inseln Cíes im Süden und Ons im Norden wie die Begrenzungen eines riesigen Tores, in dem die Sonne am Abend im Meer versinkt. [[iii]]

 

Im Buch folgen hier Fotos: 
Monte do Facho mit Blick auf die Insel Cíes; 

Altarstein Monte do Facho;

Ritualstein Monte do Facho; 

Altarstein, Zeichner: Héitor Picallo Fuentes [[iv]]

 

Das Heiligtum am Monte do Facho ist der Gottheit Deus Lar Berobreus geweiht. Auf einigen Altar-Inschriften wird die Gottheit angerufen und um Heilung gebeten. Die meisten Altäre tragen Inschriften, die einem durchgängigen Muster folgen:

 

DEO LARI BEROBREO ARAM POSVI,

manchmal erweitert um:

PRO SALVTE

 

Allein bei Grabungen auf einem Areal von nur 9 x 17 Metern wurden mehr als 100 Altäre gefunden. Als Entstehungszeit der Altäre wird von den Archäologen das 3. bis 5. Jahrhundert angegeben. Das Heiligtum wurde auch ohne erhaltene neue Steinsetzungen später weiter genutzt. Ausgehend von diesem Altarbezirk führte ein in Mauern eingefasster Weg zum Gipfel des Berges. Dies musste der zentrale Kultplatz des Heiligtums gewesen sein. Heute sieht man auf dem Gipfelplateau des Monte do Facho einen Kuppelrundbau aus dem 17. Jahrhundert. Er diente der Küstenbeobachtung.

Die Weihealtäre standen dicht beieinander. In einem rituellen Akt wurden die Altäre aufgestellt. Dabei spielten eine Handvoll Glasstücke und hellrot verbrannte Granitsteine in Golf- und Tennisballgröße eine Rolle. Sie wurden auf dem Verankerungsgrund der Altäre gefunden. Die Steine müssen über längere Zeit einer hohen Temperatur ausgesetzt worden sein. Sie wurden im glühenden Zustand in das Setzungsloch der Altäre eingebracht.

Ein Großteil der Altäre ragte bis 120cm aus dem Boden hervor. Manche sind etwa 170cm hoch. Die meisten Altäre standen auf einer Bodenterrasse vor einer markanten Felswand, viele von ihnen an ihrem ursprünglichen Setzungsort, wodurch detaillierte Rückschlüsse auf die Setzungsarten und Hinweise auf die Rituale bei der Altarsetzung möglich wurden. Die Altarseite mit der Inschrift war stets auf das Tal hin ausgerichtet. Von dort näherten sich die Pilger dem Sakralbezirk.

An einem der Altäre ist aufgrund des verwendeten Steinmaterials und seiner Formgebung deutlich zu erkennen, dass er von weit her hierhin transportiert worden ist. Das Heiligtum war ein Pilgerziel. Der Monte do Facho war vielleicht sogar eines der wichtigsten Ziele auf den alten Pilgerwegen zum „Ende der Welt“. Die Pilgerschaft zu sakralen Orten, an denen die Verbindung zu einer Gottheit erwartet wurde, war im vorchristlichen Hispanien weit verbreitet. Die meisten Pilger hatten sakrale Orte in der näheren Umgebung ihres Heimatortes zum Ziel, mit Entfernungen von etwa 1 bis 3 Tagesreisen. Doch einige Pilgerziele am „Ende der Welt“ hatten kontinentale Bedeutung. Für diese Ziele wurden längere Strecken in Kauf genommen. [[v]] [[vi]]

Weihealtäre und die mit ihnen einhergehenden sakralen Kulte verstetigen einen sakralen Raum im menschlichen Bewusstsein. Sakrale Räume mit Altarstiftungen, zumal in der Dimension wie hier am Monte do Facho, haben neben ihrer religiös-spirituellen Bedeutung immer auch eine soziokulturelle Funktion. Über die Zeit des 4. und 5. Jahrhunderts in Gallaecia hatte ich inzwischen schon einiges gelernt. Im 4. Jahrhundert entstand die Bewegung um Priscillian. Im 5. Jahrhundert etablierte sich das Königreich der Sueven. Zu den Königssitzen und Siedlungsräumen der Sueven gehörte Tuy und Braga südlich des Monte do Facho. Vielleicht war dem Königshaus der Sueven und den suevischen Priesterinnen das Heiligtum am Monte do Facho gut bekannt.

Das priscillianisch geprägte Christentum breitete sich ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts auch in der Region um den Monte do Facho aus. Aufgrund einer Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien, ein Schriftsteller und päpstlicher Kanzleischreiber, später Heiliger und Schutzpatron der Dichter, leiten einige Historiker die Region ab, in der Priscillian aufgewachsen sein soll: Gallaecia. [[vii]]

Bereits in seiner frühen Jugend soll Priscillian mit Astralkulten in Kontakt gekommen sein und heidnische Kulte praktiziert haben, bei denen die Anbetung von Götzen, Statuen und heidnischen Altären eine Rolle spielten. In seinen Verteidigungsschriften sieht er sich gezwungen, dazu umfangreich Stellung zu beziehen. Seine Gegner hatten offenbar Beweise für die Errichtung von Steinmonumenten mit astralen Symbolen wie Sonne, Mond, Planeten und Sterne. [[viii]]

Einige Altäre am Monte do Facho weisen Kreuze auf, darunter das Andreaskreuz, das Attribut des Apostels Andreas. In frühchristlicher Zeit war das Andreaskreuz als ein Symbol für Christus verbreitet. In priscillianischen Kreisen gehörten die Andreasakten zu den beliebtesten apokryphen Schriften.

Das Kreuz wird bei Andreas zu einem mit Leben und Licht erfüllten kosmischen Lichtkreuz – zu einem Symbol der Freude. Das Kreuz weist in 4 Himmelsrichtungen. Die Welt ist darin in ihrem Umfang gebunden, heißt es in den Andreasakten. Es umfasst symbolisch den ganzen Erdkreis. Vertikal symbolisiert es die Verbindung von Himmel und Erde. Horizontal symbolisiert es die Ausbreitung des Lichts, das Wegleuchten der Macht der Finsternis.

Als er das Kreuz am Meeresufer aufgerichtet sieht, jubelt Andreas in einer Anrufung des kosmischen Kreuzes. In der Anrufung wird das Geheimnis des Kreuzes enthüllt:

 

 

„Sei mir gegrüßt, o Kreuz!

Denn du darfst dich wirklich freuen.

 

Wohl weiß ich, daß auch du künftig ausruhst, da du seit langer Zeit müde bist und aufgerichtet auf mich wartest.

 

Ich bin gekommen zu dir, das ich als mein eigen kenne;

ich bin gekommen zu dir, dem nach mir sich Sehnenden.

 

Ich kenne dein Geheimnis, um dessenwillen du auch errichtet bist.

Du bist nämlich im Kosmos aufgerichtet,

um das Unstete zu befestigen.

 

Und ein Teil von dir erstreckt sich bis zum Himmel,

damit du so den himmlischen Logos,

das Haupt aller Dinge, anzeigest.

 

Ein anderer Teil von dir wurde zur Rechten und zur Linken ausgebreitet, damit du die furchtbare feindliche Macht in die Flucht jagest und den Kosmos zusammenbringest.

 

Ein anderer Teil von dir ist in der Erde befestigt,

in der Tiefe gegründet, damit du,

was in der Erde und unter der Erde sich befindet,

mit dem, was im Himmel ist, verknüpfest.“

(Andreasakten 3,8) [[ix]]

 

 

Das Heiligtum Monte do Facho wandelte sich von einem Sakralort zu Ehren der Gottheit Deus Lar Berobreus zu einem christlich-sakralen Ort. Nun wurde der heilige Andreas hier verehrt. Das Gelände des Heiligtums gehört heute zur Pfarrei „Parroquia de San Andrés do Hío“. Der heilige Andreas ist hier Ortspatron.

Ein Altar fiel mir aufgrund seiner Symbolkombination sofort auf. Anstelle der Inschrift DEO LARI BEROBREO ist ein Kreuz zu sehen, umgeben von kreisförmigen Symbolen. Davon halten zwei Kreise das Kreuz von unten. Die anderen sind zur Rechten und zur Linken des Kreuzes ausgebreitet. Darüber sind Punkte abgebildet und ein sichelförmiges sowie ein rundes, größeres Gebilde. Inmitten der Punkte sind zwei große rechteckige Vertiefungen zu sehen, die wie ein Fenster wirken, durch das man durch die Symbolik hindurchschaut und die allegorische Bedeutung erkennen kann; das Geheimnis, warum der Altarstein in dieser Form errichtet wurde. Die Rechtecke können auch als Augen interpretiert werden, in denen die Symbolik auf den Betrachtenden zurückgespiegelt wird.

 

Im Buch folgt hier ein Foto: 
Altarstein mit Astralsymbolen und Kreuz, Monte do Facho (a50)

Zeichner: Héitor Picallo Fuentes [[x]]

 

Die Gestalt des Altarsteins ist nach oben hin abgerundet. Wie ein Haupt mit Sternen streckt er sich zum Himmel, zum „himmlischen Logos“, wie Andreas in analoger Weise ausruft. Nach unten hin ist der Altarstein „in der Tiefe gegründet“, mit Ritualgegenständen der Altarsetzung an seinem Erdengrunde.

Die Abbildungen auf dem Altarstein erschienen mir wie eine symbolische Darstellung eines Sternenweges, der zu CHRISTUS führt. Das Kreuz als Symbol für CHRISTUS ersetzt die alte Gottheit. Der Name des heidnischen Gottes wurde durch das Kreuz und eine Astralsymbolik, als Symbol für den kosmischen Licht-Christus, ersetzt. In diesem Licht wird CHRISTUS in allem erkannt, ist in priscillianischen Traktaten zu lesen. Und auch in den Andreasakten heißt es: „O Kreuzesname, der du voll aller Dinge bist!“ [[xi]]

Die Gesamtkomposition dieses Sinnbildes auf dem Altarstein des Monte do Facho weist meiner Ansicht nach deutliche Parallelen zu der Anrufung aus den Andreasakten auf und darüber hinaus entspricht das Sinnbild wesentlichen Aussagen in priscillianischen Traktaten. [[xii]]

Bei Priscillian waren die Elemente der Natur, Steine, Felsen und die Sterne des Himmelszelts kraftvolle Symbole, die auf dem Einweihungsweg zur SELBSTerkenntnis eine wichtige Bedeutung hatten, da sie hinweisen auf das göttliche Licht in CHRISTUS. Lediglich die Anbetung der Sonne als Gott, die Anbetung von Mond und Sternen als Gott, von Steinen und Felsen, Statuen und Steinaltären als Gott wurde verurteilt. Die Gleichsetzung von Sternen, Sonne und Mond als Gott wurde ersetzt durch ihre wegweisende Funktion als Symbole für das Licht in CHRISTUS.

 

Könnte dies die priscillianische Botschaft des Altarsteins sein?

 

Aus den Briefwechseln des Bischofs Turibius aus den 440er Jahren geht hervor, dass zu dieser Zeit in ganz Gallaecia kaum ein christlicher Kleriker zu finden war, der nicht den priscillianischen Glaubensvorstellungen anhing. In seiner kenntnisreichen und detaillierten Beschreibung priscillianischer Rituale berichtet Turibius, dass in priscillianischen Kreisen Astralkulte eine wesentliche Bedeutung haben, dass Sternenkulte den menschlichen Körper mit Sternenkonstellationen in Verbindung bringen und dass apokryphe Apostelakten weiterhin verbreitet sind. Dabei weist er auf die Andreasakten hin, die nach seiner Kenntnis in priscillianischen Kreisen gerne gelesen wurden. Turibius kannte sich gut aus mit den Gegebenheiten in Gallaecia. Er war in Gallaecia aufgewachsen. [[xiii]]

Ob das Heiligtum des Monte do Facho durch die Überformung mit christlichen Glaubensvorstellungen zunächst geschützt war oder ob es sogar eine Art „Wächter des Monte do Facho“ gab, das ist nicht bekannt. Jedoch steht für die Archäologen fest: Das Heiligtum wurde erhalten und nicht etwa zerstört. Prof. Schattner weist sogar darauf hin, dass der Erhaltungszustand der Weihealtäre häufig geradezu exzellent sei. Die zahlreichen heidnischen Weihealtäre standen neben den Altären mit Kreuzsymbolen. [[xiv]]

Das Nebeneinander von heidnischen und priscillianisch-christlichen Glaubenspraktiken war nicht nur ein Kennzeichen des Heiligtums am Monte do Facho. Die priscillianischen Traktate wie auch die Anschuldigungen der Priscilliangegner weisen deutlich auf den fließenden Übergang zwischen heidnischen und priscillianisch-christlichen Glaubensvorstellungen hin. Heidnische Elemente wurden in priscillianischen Gemeinden einbezogen und transzendiert. Die Symbole wurden ersetzt und neu interpretiert. Die Essenz der persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubenserfahrung konnte dadurch erhalten werden.

Das Heiligtum am Monte do Facho wurde auch bereits lange vor den spätrömischen Altarsetzungen als sakraler Raum angesehen. Am Monte do Facho befanden sich ein eisenzeitliches und ein bronzezeitliches Castro (Rundbausiedlungen). An dem Ort des Heiligtums standen in vorrömischer Zeit Rundbauhäuser, von denen die Archäologen zunächst annahmen, es handele sich „nur“ um einen Teil einer „gewöhnlichen“ befestigten Siedlung mit den typischen Rundhäusern, die vor allem für Wohnzwecke genutzt wurden. Doch nachdem dort sakral-architektonische Strukturen und Kultgegenstände (z.B. Tiergottheiten) entdeckt wurden, war klar, dass es sich bei den vorrömischen Castros nicht nur um gewöhnliche Siedlungen gehandelt haben kann. Einige der Rundbauten wurden in spätrömischer Zeit erneuert und in den Altar-Bezirk einbezogen. Der Archäologe José Suárez Otero ist davon überzeugt, dass der Monte do Facho sogar einer der bedeutendsten Sakralorte am „Ende der Welt“ gewesen ist. Felsritzungen aus prähistorischer Zeit deuten darauf hin, dass dieser Bergrücken über dem Meer auch schon Jahrtausende zuvor, mindestens seit dem 2. Jahrtausend v.Chr., ein sakraler Ort war.

In der Nähe des Heiligtums am Monte do Facho befand sich zur Zeit der Altarsetzungen keine Siedlung. Die nächste kleine römische Villa lag 2 Stunden Fußmarsch entfernt. Wer aus Vicus Spacorum, dem heutigen Vigo, anreiste, der konnte das Heiligtum durch eine Überquerung des Meeresarmes Ría de Vigo erreichen. [[xv]]

 

Im Buch folgt hier ein Foto: 

 
   

Monte do Facho, Gipfelplateau

 

Heute kann der gesamte Zeitraum der Existenz dieses Sakralortes etwa so nachgezeichnet werden:

 

5. Jahrtausend v.Chr.:                          Megalithische Steinmonumente entstehen entlang der atlantischen Küste Galiciens, zumeist auf hervorgehobenen Bergrücken, wie am Monte do Facho. Steinblöcke werden für den Bau von Grab- und Kultanlagen verwendet und als Steinsetzungen positioniert.

 

2. Jahrtausend v.Chr.:                          Am Monte do Facho besteht ein bedeutendes Heiligtum. Felsritzungen (Petroglyphen) mit geheimnisvollen spiralförmigen Abbildungen, abstrakten und geometrischen Motiven, natürliche Muldensteine und Ritualsteine zeugen davon.

 

800 – 600 v.Chr.:                                Eine große Rundbausiedlung entsteht am Fuße des Berges bis hinauf zum Berggipfel. Die dortigen Stein- und Felsstrukturen deuten auf ein Bergheiligtum zur Zeit dieses Castros.

 

500 v.Chr. – 100 n.Chr.:                     Rundbauten werden auf dem Bergrücken und auf der nördlichen und nordwestlichen Hangseite errichtet. Tiergottheiten aus Stein, die Nutzung von Muldensteinen für rituelle Zwecke und die architektonische Struktur deuten auf ein Heiligtum hin.

 

250 – 500 n.Chr.                                 Ein Sakralbezirk mit Weihesteinen entsteht unter Einbeziehung einiger der Rundbauten. Der Sakralort ist der Gottheit DEO LARI BEROBREO geweiht. Es erfolgt der Übergang von einem heidnischen Sakralort zu einem priscillianisch-christlich geprägten Ort. Die Verehrung geht auf den Apostel Andreas über.

 

600 – 2.000 n.Chr.                              Der Sakralort bleibt in den lokalen Mythen und Legenden und in den Überlieferungen auf dem Sternenweg lebendig. Der heilige Andreas wird zum Ortspatron.

 

2.000 n.Chr. bis heute:                        Der jahrtausendealte Sakralort wird in seiner zeitlich andauernden Bedeutung als Heiligtum bewusst. Archäologische Funde und Rekonstruktionen lassen das Heiligtum wieder „auferstehen“.

 

Diese Darstellung der Kultortkontinuität am Monte do Facho hat exemplarischen Charakter. An vielen Orten entlang des Sternenweges bin ich auf ähnliche Strukturen und Dynamiken gestoßen. [[xvi]] Die Kultortkontinuität auf dem Sternenweg ist ein vielschichtiges und überaus spannendes Thema. Ein Aspekt der Kontinuität und des Wandels von Kultorten ist ihre Bedeutung als Tor zu erweiterten Erfahrungsweisen mit Folgewirkungen für die persönliche oder kollektive Entwicklung. Die Kontinuität, also die Dauerhaftigkeit der Nutzung als Kultort, kann zeitlich durchaus unterbrochen sein. Auch nach Jahrhunderten des Vergessens kann das Potential eines solchen Ortes heute wieder zur Entfaltung kommen.

     ...

 

[i] Vgl.: Thomas G. Schattner, José Suárez Otero, Michael Koch: Weihaltäre im Heiligtum des deus lar Berobreus auf dem Monte do Facho (O Hío, Cangas de Morrazo, Galicien); in: Alexandra W. Busch und Alfred Schäfer: Römische Weihealtäre im Kontext, Internationale Tagung in Köln vom 3. bis zum 5. Dezember 2009, „Weihealtäre in Tempeln und Heiligtümern“, Friedberg, 2014, Seite 249-268

 

Vgl.: José Suárez Otero: Monte do Facho, castro ou santuario? A campaña do 2008 e a arquitectura sacra na Cultura Castrexa; in: Zeitschrift Portugalia 36, Universidade do Porto, Porto, 2015, Seite 295-312

 

Vgl.: José Suárez Otero: Ara ao deus Berobreo; in: Ramón Villares: Galicia Cen. Obxectos para contar unha cultura, Catálogo de una exposición de objetos, Sede Afundación Santiago de Compostela, 2016

 

[ii] Der Weg der „Santa Compaña“ (die heilige Gefolgschaft) ist der Prozessions-Weg der Seelen und der Astralgeister, eine Legende, die tief in der mythologischen Überlieferung Galiciens und Asturiens verwurzelt ist.

 

[iii] Vgl. dazu Impressionen der Reise als Video: Monte do Facho, Islas Cíes, Petroglifos de Mogor:

https://youtu.be/u8azhRD1QFM (Aufruf 08.03.2018)

 

[iv] Veröffentlicht am 22.01.2016, Blog O KARRAPUCHO: http://www.karrapucho.blogspot.de/2016/01/aras-romanas-berobreo-debuxo.html (Aufruf 08.03.2018)

Herzlichen Dank an Héitor Picallo Fuentes für die Erlaubnis zur Aufnahme der Zeichnung in diesem Buch.

 

[v] Vgl.: Silvia Alfayé: Hacia el lugar de los dioses: aproximación a la peregrinación religiosa en la Hispania indoeuropea; in: Francisco Marco Simón, Francisco Pina Polo, José Remesal Rodríguez: Viajeros, peregrinos y aventureros en el mundo antiguo, Barcelona, 2010, Seite 177-218

 

[vi] Vgl.: Andrés Pena Graña, Alfredo Erias Martínez: O ancestral Camiño de peregrinación ó Fin do Mundo: na procura do deus do Alén, Briareo / Berobreo / Breogán / Hércules / Santiago...; in: Anuario Brigantino nº 29, Betanzos, 2006, Seite 23-38

 

[vii] Vgl.: Maria Becker, Jan-Markus Kötter (Hg.): Prosper Tiro Chronik Laterculus regum Vandalorum et Alanorum, Paderborn, 2016, Seite 66f

 

[viii] Vgl.: Marco Conti: Priscillian of Avila: The Complete Works, a.a.O., Seite 10ff

 

[ix] M. Hornschuh: Andreasakten 3,8; in: Edgar Hennecke, Wilhelm Schneemelcher: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd. II: Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen, 1964, Seite 282-308

 

[x] Veröffentlicht am 22.01.2016, Blog O KARRAPUCHO:

http://www.karrapucho.blogspot.de/2016/01/aras-romanas-berobreo-debuxo.html (Aufruf 08.03.2018)

Herzlichen Dank an Héitor Picallo Fuentes für die Erlaubnis zur Aufnahme der Zeichnung in diesem Buch.

 

[xi] Die Anzahl und Anordnung der Kreise und Punkte ist auf dem teilweise stark verwitterten Stein bei einer ersten Betrachtung nicht genau nachvollziehbar. Doch möglicherweise ist eine Zahlensymbolik darin eingearbeitet. Von besonderer Relevanz sind dabei offenbar die Zahlen 4, 12 und 13:

Die Kreise um das Kreuz sind paarweise gegenüberliegend angeordnet. Dadurch entstehen zwei Vierergruppierungen und eine Gesamtzahl der Kreuzkreise von 8. In jedem Kreuzquadranten ist ein Punkt zu sehen, insgesamt 4. Die Summe aus Kreisen und Punkten, in denen das Kreuz eingebettet ist, beträgt 12. Um die rechteckigen „Fenster“ sind es nach meiner Zählung auf der Grundlage des Originalsteins 12 Punkte und ein 13. sichelförmiges Symbol unterhalb der „Fenster“. Dieses 13. Symbol befindet sich zugleich oberhalb des Kreuzes. Am oberen Ende des Altarsteins sind es vermutlich 4 zusätzliche Symbole. Ganz oben thront sonnenähnlich ein großer Kreis. Darunter, zur Rechten und zur Linken, zwei Gebilde, die an liegende Mondsicheln erinnern. Zwischen den Mondsicheln ist ein größerer Punkt zu sehen.

Die biblische Bedeutung der Zahlen 12 und 13 hatte ich bereits im Zusammenhang mit der Weihinschrift der Kirche über dem Dolmen in Cangas de Onís kennen gelernt. Hinzu kommt die Zahlensymbolik in priscillianischen Schriften, die Zahlensymbolik des Bischofs Dictinius aus Astorga und die Hinweise auf das Dictinius-Buch „Libra“ in den Briefwechseln des Bischofs Turibius: 12 Patriarchen, 12 Virtutes, Gestaltung in 12 Teilen.

Interessant ist im Zusammenhang mit der Symbolik dieses Altarsteins am Monte do Facho auch die biblische Zahlensymbolik in der Geschichte von Elia am Berg Karmel (1. Könige 18,1-40). Dort spielen die Zahlen 4 und 12 eine wichtige Rolle bei einem Feueropferritual an einem Altarstein. Es geht in der Geschichte darum, ob sich der alte heidnisch-lokale Gott Baal oder der neue EINE Gott (יהוה) am Altarstein zu erkennen gibt.

 

[xii] Ich habe mich in dieser Sache an den wissenschaftlichen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Madrid gewandt, an Prof. Dr. Thomas Schattner. Er war maßgeblich an den archäologischen Forschungen am Monte do Facho beteiligt und hat bereits eine Reihe von Publikationen dazu veröffentlicht.

Dankenswerter Weise hat er mir in Mailantworten einige wichtige Hinweise geben können. Demnach handelt es sich bei dem Kreuz um eine sogenannte „crux floralis“, ein Ornament, das seit spätantiker Zeit üblich war und bis in westgotische Zeit verwendet wurde. Der christliche Kontext ist nicht in allen Fällen seiner Verwendung offensichtlich.

Eine Verbindung zwischen den Altarsteinen des Monte do Facho und einer eventuellen Astralsymbolik herzustellen ist eine Annahme, die in den einschlägigen Publikationen häufig genannt werde, teilte mir Prof. Schattner mit. Er selber teile diese Ansicht jedoch nicht. Die mondsichelförmigen Symbole hält Prof. Schattner zum Beispiel für eine vereinfachte Form der römischen Girlande. Seiner Ansicht nach wird es nicht gelingen, die schriftliche Information sicher und fest mit dem archäologischen Befund zu koppeln. Der Versuch einer Koppelung gehe über den Status einer schlichten Annahme nicht hinaus.

Ich habe mich über die Antwort von Prof. Schattner gefreut, denn damit wurden meine ersten intuitiven Impulse bei der Betrachtung des Altarsteins a50 durchaus bestätigt. Zumindest als schlichte Annahme erscheint die Interpretation als Astralsymbolik im priscillianischen Kontext sachlich möglich.

 

[xiii] Zu Turibius von Astorga vgl.: Lorenzo Martínez Ángel: Santo Toribio de Astorga en el declive del Imperio romano; in: Revista Estudios Humanísticos. Historia. Nº 8, León, 2009, Seite 9-24

 

[xiv] Das Heiligtum verlor im Laufe der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts seine Bedeutung, also genau zu der Zeit, als auch der Priscillianismus an Bedeutung abnahm.

 

[xv] Vigo war in römischer, suevischer und westgotischer Zeit ein wichtiger Hafen für den Handel innerhalb Gallaecias und für den Fernhandel mit dem Mittelmeerraum und den Britischen Inseln.

 

Vgl.: Adolfo Fernández Fernández: As relacións externas da Gallaecia durante os ss. IV-VII d.C. a traveso do material arqueolóxico importado localizado en Vigo (Galiza); in: Fermín E. Pérez Losada (Coordinador): Hidacio da Limia e o seu tempo: a Gallaecia sueva / A Limia na época medieval, Xinzo de Limia (Ourense), 2014, Seite 121-163

 

[xvi] Neben den Beispielen rund um den Monte Sueve und Cangas de Onís ist der Monsacro ein überaus eindrucksvolles weiteres Zeugnis für die Kultortkontinuität von megalithischer Zeit bis heute. Der Monsacro (Montsacro oder auch La Magdalena) erhebt sich im Gemeindegebiet Morcín (südlich von Oviedo) bis zu einer Höhe von 1.054 Metern. Hier wurden megalithische Anlagen errichtet, ein Sonnenkult ist aus vorrömischer Zeit bekannt, ein Eremit soll hier in einer der Höhlen gelebt haben und heute ist es ein christlicher Kultort mit zwei romanischen Kapellen, die Jakobus und Maria Magdalena geweiht sind. Der Montsacro ist zutiefst verbunden mit mythischen Geschichten, Legenden und historischen Bezügen. Teile des Tempelschatzes aus Jerusalem sollen hier versteckt gewesen sein, bevor sie in die Cámara Santa der Kathedrale von Oviedo kamen.

In Dokumenten des 12. und 13. Jahrhunderts werden die uralten Eiben des Eibenwaldes unterhalb des Berggipfels Monte Sacro (Heiliger Berg) hervorgehoben. Der Aufstieg ist steil und mühsam, doch über Jahrtausende haben Menschen den Weg hinauf zum Monte Sacro auf sich genommen, um hier mit ihren Ahnen und Göttern verbunden zu sein oder ihrem Gott nahe zu sein:

„Si algo está meridianamente claro es que, a lo largo de los siglos, la circunstancia predominante de estas peñas es su sacralidad. Desde la prehistoria hasta hoy mismo, las gentes no han acudido a su cima por simple placer, ni han levantado en ella adoratorios por deseos crematísticos, sino por un anhelo de trascendencia inherente a lo más profundo del ser humano. Y en eso estriba su valor; da igual que la veneración se dirigiese a los númenes de la naturaleza, luego a tales o cuales divinidades y que todas ellas se rodeasen de una mitología propia. El hecho cierto, para los devotos de todos los siglos, es que allá arriba ‘sopla el Espíritu’.”

Rafael Alarcón Herrera: Prólogo; in: Natividad Torres Rodríguez: Montsacro “in aeternum et in perpetuum Monte-Sacro”, Gijón, 2016

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