Priscillian und sein Vermächtnis auf dem Sternenweg: Flug zwischen den Zeiten

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg - Der Ruf des Sueve

478 Seiten, mit vielen Zeichnungen und Fotos (s/w), 2. erweiterte Auflage 2018
CreateSpace Independent Publishing

 

Auszug aus dem Kapitel "Flug zwischen den Zeiten":

Bei meinen Reisen nach Asturien startete ich oft vom Hunsrück aus. Nach dem Abheben des Fliegers genoss ich dann stets die wunderschöne Eifel- und Hunsrücklandschaft mit den tief eingeschnittenen Tälern, den grünen Wäldern und Feldern. An einem Reisetag mit besonders schönen Panoramaaussichten und ein paar dahingetupften Wölkchen am tiefblauen Himmel schweiften meine Gedanken durch die Weiten von Raum und Zeit.

An die Zeit der Völkerwanderung dachte ich zurück, während der Flieger noch im Steigen begriffen war. Hier unter mir könnte es gewesen sein, so dachte ich, wo zu Beginn des 5. Jahrhunderts zehntausende Sueven nach der Rheinquerung bei Mainz in Richtung Westen zogen. Darunter muss sich auch der Suevenkönig Hermerich und sein Sohn und Thronfolger Rechila befunden haben.

Über Trier stiegen in mir Szenen der Hinrichtung Priscillians auf, der in dieser Stadt der Treverer (Treveris, Trier) gefoltert und dann enthauptet wurde. Unter mir konnte ich die historischen Stätten erahnen: Die Römerbrücke, das Amphitheater, den kaiserlichen Bezirk und das nördliche Stadttor, die Porta Nigra. Die Leichen Priscillians und der anderen Hingerichteten wurden von Trier nach Gallaecia gebracht, auf dem späteren Jakobsweg. Sie müssen damals Wochen oder Monate unterwegs gewesen sein. Meine Flugzeit betrug an diesem Tag nur 1 Stunde und 35 Minuten.

Das Verfahren gegen Priscillian in Trier rief die führenden Köpfe ihrer Zeit auf den Plan. Die römischen Kaiser Gratian und Magnus Maximus waren ebenso involviert wie die Kirchenväter Martin von Tours, Ambrosius und Jerome sowie der im fernen Nordafrika residierende Augustinus. Ein Skandal war für viele Kleriker der damaligen Zeit, dass es katholische Bischöfe waren, die andersdenkende Bischöfe an die kaiserliche Rechtsprechung auslieferten und damit auch deren Tod in Kauf nahmen. Ambrosius verglich diese Tat in einem Brief an einen Mailänder Kleriker später mit der Auslieferung Jesus an Pilatus. [[i]]

Martin von Tours, dessen Engagement für die Priscillianer die Todesurteile nicht verhindern konnte, war nach den Hinrichtungen in Trier sehr besorgt um die Anhänger Priscillians in Hispanien, nachdem eine Inquisition auf der Iberischen Halbinsel mit Folter und Tötung vermeintlicher Priscillianer begonnen hatte.

Im römischen Imperium war die Folter ein übliches Verfahren gegen Staatsfeinde und Rechtsbrecher. Während des Verfahrens gegen die Priscillianer wurde systematisch gefoltert. Latinus Pacatus Drepanius hielt im Jahre 389 eine Lobrede zur Ehrung des Kaisers Theodosius, in der er die Grausamkeiten des Kaisers Magnus Maximus und der katholischen Kleriker in Trier anprangerte, die für Folter und Tod der Priscillianer verantwortlich waren. Latinus lag besonders das Schicksal der Euchrotia am Herzen, eine enge Vertraute Priscillians und Witwe eines angesehenen Dichters aus Bordeaux:

 

„Do I speak of the deaths of men, when I recall that he descended to spilling the blood of women, and raged in peacetime against a sex which is spared by war? But of course serious and odious offenses were responsible for the wife of a famous poet being dragged off to punishment with a hook; for excessive piety and too assiduous worship of divinity was alleged and indeed proved against the widow. What greater charge than this could an accuser who was a priest level at her? … Yet, further, after assisting in this capital cases, and eagerly drinking in with ears and eyes the groans and torments of the unhappy victims, after handling the axes of the lictors and the chains of the condemned, they would take back to their sacred rites hands sullied by contact with punishment, and the ceremonials which they had defiled with their minds they even polluted with their bodies.” [[ii]]

 

Bereits zur Zeit Priscillians gab es die Diskussion über Sinn und Zweck der Folter. Die Kirchenväter jener Zeit waren zumeist gegen die Folter, erst recht gegen die Folter ihrer Glaubensbrüder. Sie gaben zu bedenken, dass Folter zur Erzwingung eines Geständnisses ungeeignet sei, denn die Qual der Folter führe oft dazu, dass die Gefolterten alles gestehen, was man ihnen vorhält. Zudem träfe die Folter auch unbeteiligte Menschen, die zu Unrecht beschuldigt würden und die, falls sie die Folter überlebten, ein Dasein mit verstümmelten Körpern führen müssten. [[iii]]

Diese Einsichten vieler Kirchenväter und auch mancher Päpste hatte dann im Spätmittelalter eine abnehmende Bedeutung. Im Kampf der Kirche gegen die Katharer erließ Papst Innozenz IV. im Jahre 1252 seine Bulle „Ad Extirpanda“, in der die Folter zur Wahrheitsfindung gestattet wurde. Ab dem 13. Jahrhundert wurde die Folter vollends zu einem Instrument der römisch-katholischen Kirche in den Inquisitionsverfahren.

Wir überflogen gerade Paris, als in mir wie ein Blitzgewitter Bilder aus neuzeitlichen Folterzentren aufstiegen, die als eine Art Analogie mit Bildern aus der Zeit Priscillians vermischt waren. Ich spürte einen stechenden Schmerz in meinem Herzen. Auch heute ist Folter noch weit verbreitet, so schoss es mir durch den Kopf. Nicht nur in einigen Diktaturen. Im Jahre 2014 wurde der „CIA-Folterbericht“ veröffentlicht. Darin wird deutlich, dass auch die Regierungen der sogenannten „westlichen Wertegemeinschaft“ Folter einsetzen oder dulden. Und wie schon zur Zeit Priscillians entbrannte die alte Diskussion, ob Folter zur Erzwingung eines Geständnisses geeignet sei. Der frühere US-Präsident George W. Bush verkündete anlässlich der Veröffentlichung des Folterberichtes unter dem Applaus seiner Gefolgsleute: "Wir können uns glücklich schätzen, Männer und Frauen zu haben, die bei der CIA hart in unserem Interesse arbeiten. Sie sind Patrioten, und was immer der Bericht sagt: Wenn er ihre Beiträge für unser Land herabwürdigt, dann liegt das völlig daneben." Auch Bushs Stellvertreter Cheney bezeichnet die Folter von Verdächtigen als "vollkommen gerechtfertigt". [[iv]]

Die veröffentlichte Kurzversion des CIA-Folterberichts lässt erahnen, dass die Entartung menschlichen Handelns im 21. Jahrhundert, insbesondere nach der Ausrufung des NATO-Bündnisfalls im Jahre 2001, einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Der Folterbericht beinhaltet die Machenschaften eines weltweiten Netzwerks von Folterzentren und Informationen zu fälschlich inhaftierten, misshandelten und getöteten Gefangenen sowie zu den angewandten Verhör- und Foltermethoden. Darüber hinaus macht der Bericht die Verzahnung der CIA mit anderen Regierungsorganisationen innerhalb und außerhalb der USA deutlich. Wolfgang Nešković veröffentlichte 2015 eine kommentierte deutschsprachige Ausgabe des Berichts. [[v]]

Die US-Folterzentren in Europa waren den Regierungen demnach gut bekannt. Sie wurden auch tatkräftig unterstützt. Zum Beispiel in Deutschland: Der Bundesnachrichtendienst, das Bundeskriminalamt, das Bundesamt für Verfassungsschutz und das „Kommando Spezialkräfte“ der Bundeswehr sollen auf vielfältige Weise an dem Foltersystem beteiligt gewesen sein.

Die Gedankenströme während des Fluges mit Schlaglichtern auf aktuelle Ereignisse und deren Analogien im 4. und 5. Jahrhundert schleuderten mich an diesem Tag zwischen den Zeiten hin und her. Die Distanz der Zeit schien sich nahezu aufzulösen.

...

 


[i] Vgl.: Henry Chadwick: Priscillian of Avila, a.a.O., Seite 151

 

[ii] Latinus Pacatus Drepanius: Panegyric of Theodosius (389), Kapitel 29; in: C.E.V. Nixon, Barbara Saylor Rodgers: In Praise of Later Roman Emperors, The Panegyrici Latini, Berkeley, 1994, Seite 487ff

 

[iii] Vgl.: Henry Chadwick: Priscillian of Avila, a.a.O., Seite 139

 

[iv] Vgl.: Wikipedia-Artikel “Committee Study of the Central Intelligence Agency’s Detention and Interrogation Program” (Aufruf 08.02.2018)

 

[v] Vgl.: Wolfgang Nešković: Der CIA-Folterreport. Der offizielle Bericht des US-Senats zum Internierungs- und Verhörprogramm der CIA, Frankfurt a.M., 2015

Die dunkle Seite der Kohle in Asturien. Dokumentation 2018:
EL LADO OSCURO DEL CARBÓN

Solidarität auf dem Sternenweg am Hambacher Wald:

Buchtipps:

Empfehlen Sie diese Seite auf: