Priscillian und sein Vermächtnis auf dem Sternenweg: Ein Weg zum SELBST

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg - Der Ruf des Sueve

478 Seiten, mit vielen Zeichnungen und Fotos (s/w), 2. erweiterte Auflage 2018
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Auszug aus dem Kapitel "Ein Weg zum SELBST":

... SELBSTerkenntnis kann alles verändern. Sie ist revolutionär und zugleich evolutionär. Dazu braucht es die Freiheit der prophetischen Rede. Kaum ein anderes Thema war Priscillian so wichtig wie der Erhalt und die Förderung der prophetischen Rede in ihren vielfältigen Ausdrucksformen. [[i]] Bis in die Zeit der priscillianischen Bewegung war prophetische Rede geachtet, das prophetische Reden in Gebetssprachen, das prophetische Schreiben in veränderten Bewusstseinszuständen und die vielen weiteren Ausdrucksformen, die zum Beispiel aus tiefer Versunkenheit in Gebet und Meditation hervorgehen können. Das geistige Versinken in heiligen Schriften und in der Natur, Bergbesteigungen, die zu meditativen oder tranceartigen Bewusstseinszuständen führen, Fasten, Askese und andauerndes lichterfülltes Schauen der Erscheinungen in Raum und Zeit waren Teil der persönlichen Erfahrung der spirituellen Realität. Dies änderte sich, als die priscillianische Bewegung gesellschaftliche Relevanz erlangte. Wer CHRISTUS als das SELBST erkannt und erfahren hatte, kam zu neuen Sichtweisen auf die Welt und auf sich selbst und auch zu neuen Werten und einem veränderten Sein in der Welt. Das eigenständige Denken und Handeln vieler Menschen in der priscillianischen Bewegung wurde von kirchlichen und weltlichen Machteliten nicht lange geduldet. Was dann folgte, beschreibt Ken Wilber als eine kulturelle Katastrophe ersten Ranges, die bis heute nachwirkt:

„It is simply undeniable that Christianity began in a riot of higher states and peak experiences and mystical, spiritual, altered states. The very core of Christianity (and every great wisdom tradition) lies in the direct and immediate experience of a spiritual reality, and for that to be forgotten or even denied (as has too often happened with Christianity) is a cultural catastrophe of the first magnitude.” [[ii]] Und bis heute gilt: „The Church began moving away from direct mystical-state experience of Waking Up … because mystical states couldn´t be easily controlled and monitored.” [[iii]]

Machteliten sind stets bemüht, das Denken zu lenken und Selbstbilder zu injizieren. Das galt zur Zeit Priscillians ebenso, wie dies auch heute seine Gültigkeit hat. So braucht der Neoliberalismus das Selbstbild des Konsumenten: „Ich bin, wenn ich kaufen kann.“ „Ich bin mehr, wenn ich mehr kaufen kann.“ „Ich bin nicht, wenn ich nicht kaufen kann.“ Der Soziologe Peter Gross hat in seiner Perspektive der Multioptionsgesellschaft das Mehrgott-Paradigma als ein zentrales Charakteristikum der modernen Gesellschaft beschrieben. Es hält sich weiterhin hartnäckig: Nichts soll unmöglich sein, jedes Mehr und jedes Bessere soll realisiert werden können und jeder hat das Recht, dieses Mehr und Bessere auch einzufordern. Dazu muss er lediglich dem allmächtigen Gott Mammon vertrauen, dessen Engel allgegenwärtige Hilfe versprechen: Marken, Markt und Banken, NATO, IWF, NSA, der große Bruder und all seine Freunde sorgen tagtäglich für das Wohlergehen hin zu einer Welt in Sicherheit, Freiheit und Demokratie. Der hervorquellende Mammonismus, der sich besonders deutlich im quasireligiösen Neoliberalismus manifestiert, durchdringt scheinbar alternativlos Individuum und Gesellschaft. Der Messias inkarniert sich in Marken und Märkten, durchdrungen von der allumfassenden Macht und dem Heilsversprechen des Mammons.

Peter Gross richtet den Blick auch auf die psychisch-innere Multioptionsgesellschaft und die Ich-Jagd. Das Individuum wird zum Patchwork-Dividuum, zum multiplen Ich, das sich je nach Situation neu erfindet. Doch paradox ist die letztendliche Erkenntnis, dass je mehr es sich seinem konstruierten Ich nähert, umso flüssiger, unbestimmter, inexistenter wird es. [[iv]]

Heute wird das Injizieren von Selbstbildern und die Lenkung des Denkens und auch die Psychologie der Meinungsmanipulation an Universitäten gelehrt und von Unternehmen und Politprofis angewandt. Es fehlt nicht an Strategien und Methoden, die dazu geeignet erscheinen, den Neoliberalismus als höchste Form der Gerechtigkeit darzustellen oder einen Krieg als Friedensmission erscheinen zu lassen oder die Einschränkung von Demokratie als politische Freiheit zu verkaufen. Der Psychologe Rainer Mausfeld erklärt die Wirkmechanismen und ruft dazu auf, das Lenken des Denkens kritisch zu hinterfragen. [[v]]

Viele Aspekte Priscillians und einige der Glaubensvorstellungen in priscillianischen Kreisen waren ihrer Zeit weit voraus. Heute, mehr als 1.600 Jahre nach Priscillian, erscheint einiges davon aktuell und zeitlos zugleich. Für Santiago Fernández Ardanaz war Priscillian ein kritisch denkender politischer Mensch, der die grundlegenden Werte der Herrschenden in Frage stellte, in einem System, das auf Geldmacht, Ruhm und Genusssucht beruhte, in dem Korruption, Betrug und die Gier nach Besitz und Reichtum bestimmende Maxime waren. Santiago Fernández beschreibt die Botschaft priscillianischer Glaubenserfahrungen als eine zutiefst „Kosmische Religiosität“, eine „Spiritualität der Freiheit“, in der die Essenz des Seins EINS ist, von allen erfahrbar in allem, als Mensch und als Menschheit. Santiago Fernández weist auf den zentralen Schlüssel zur Erkenntnis hin, der priscillianische Vorstellungen kennzeichnet und der erst heute, allmählich, für den Verstand annehmbar wird: Die Transformation der Zeiterfahrung – die Integration von Zeit und Zeitlosigkeit. [[vi]]

...

 

[i] Vgl.: Priscillianus: Tractatus 1.32.6-33.6; 3.53.24-55.4; 5.66.23

 

Vgl. auch: Manuel José Crespo Losada: Traducción y comentario filológico del Tractatus primus de Prisciliano de Ávila, a.a.O., Seite 17, 140, 464, 466f, 497f, 565, 588f

 

[ii] Ken Wilber: Afterword by Ken Wilber; in: Paul R. Smith: Is your God big enough, close enough, you enough?: Jesus and the three faces of God, Minnesota, 2017, Seite 378f

 

[iii] Ken Wilber: The Religion of Tomorrow, a.a.O., Seite 61

 

[iv] Vgl.: Peter Gross: Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt a.M., 1994

 

Vgl.: Peter Gross: Ich-Jagd. Im Unabhängigkeitsjahrhundert, Frankfurt a.M., 1999

 

[v] Vgl.: Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? – Psychologie, Demokratie und Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements, Vortrag an der Christian-Albrechts- Universität Kiel vom 22.06.2015; in: Free21, Berlin, 04.08.2015

 

Vgl.: Rainer Mausfeld: Die Angst der Machteliten vor dem Volk. Demokratie-Management durch Soft Power-Techniken, Vortrag IPPNW-Hamburg, Steiner-Haus Hamburg, 2. November 2016, Video: https://youtu.be/Rk6I9gXwack (Aufruf 08.03.2018)

 

Vgl.: Rainer Mausfeld: Wie sich die „verwirrte Herde“ auf Kurs halten lässt: Neue Wege der „Stabilitätssicherung“ im autoritären Neoliberalismus, Vortrag beim 28. Pleisweiler Gespräch vom 22. Oktober 2017, Text, Folien, Video:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=41049 (Aufruf 08.03.2018)

 

Vgl.: Rainer Mausfeld: Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert? Methoden, Wirkung, Hintergründe, acTVism Munich, 14.05.2017: https://youtu.be/-hItt4cE0Pk (Aufruf 08.03.2018)

 

[vi] Vgl.: Santiago Fernández Ardanaz: Religiosidad Cósmica y simbología pagana en Prisciliano; in: Cristianismo y aculturación en tiempos del Imperio Romano, Antig. Crist. VII, Murcia, 1990

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