Priscillian und sein Vermächtnis auf dem Sternenweg: Die sakralen Orte und Wege der Steinzeit

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg - Der Ruf des Sueve

478 Seiten, mit vielen Zeichnungen und Fotos (s/w), 2. erweiterte Auflage 2018
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Auszug aus dem Kapitel "Die sakralen Orte und Wege der Steinzeit - über die Sonnenfinsternis":

... Der wichtigste Chronist aus der Zeit des Königreichs der Sueven (Hydatius) berichtete mit akribischer Genauigkeit über die Himmelserscheinungen seiner Zeit, die er als Zeichen für Ereignisse auf der Erde ansah. Am 6. Dezember des Jahres 442 näherte sich einer der von Hydatius beschriebenen Kometen der Erde bis auf etwa 90 Mio. km, wie heute rekonstruiert werden kann. Er war über Monate am Himmel zu sehen. Hydatius Hauptinteresse galt den Sonnenfinsternissen. Er beschrieb zum Beispiel die im Norden der Iberischen Halbinsel als totale Sonnenfinsternis sichtbaren Himmelsereignisse vom 11. November des Jahres 402, vom 19. Juli 418 und vom 23. Dezember 447. Die Sonnenfinsternis des Jahres 447 verlief entlang des Sternenweges von der Küste Hispaniens über Astorga, die Picos de Europa, nach Trier, den Harz bis nach Kolberg und über der Ostsee löste sich das Himmelsschauspiel auf.

Eine totale Sonnenfinsternis hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Davon konnte ich mich am 11. August des Jahres 1999 überzeugen, als ich auf einer Hochebene auf der Schwäbischen Alb das Naturschauspiel verfolgen durfte. Der Blick reichte in die Ferne des weiten Horizonts. Der wolkenverhangene Himmel öffnete sich. Nur noch schwach war das Sonnenlicht als weißer diamantenhaft strahlender Funken am rechten Sonnenrand zu sehen. Es war noch hell, auch wenn eine Art Dämmerung einsetzte, doch brachte es der winzige Lichtschein noch fertig, den Tag zu erhellen. Ich richtete meinen Blick auf das wunderschöne Panorama im Dämmerlicht, als plötzlich eine Veränderung vor sich ging. Der gesamte sichtbare Horizont verdunkelte sich schlagartig. Ein Schatten raste übers Land und in wenigen Sekunden kam er auf uns zu, raste über uns hinweg und es war schlagartig dunkel. Ein kühler seichter Wind zog auf. Ein Gefühlsmix aus Beklommenheit, Bewunderung und Staunen überkam mich. Ich fühlte mich erfasst von einer geradezu kosmischen Kraft. Ich war durch den Schatten des Mondes verbunden mit dem Mond, der Sonne und dem Kosmos da draußen. Das Schattenspiel von Sonne und Mond wirkte unheimlich und eigenartig schön zugleich. Die Landschaft war noch schemenhaft erkennbar. In weiter Ferne im Tal sah ich die Wolken noch stellenweise angestrahlt von einem Restlicht der Sonne. Absolute Stille umgab mich. Auf den angrenzenden Höhen und Wiesen blickten Menschen staunend in den Himmel. Das Kreischen der spielenden Kinder war verstummt. Die Kühe hatten sich zur Nachtruhe begeben und lagen bereits in Schlafposition. Für etwas mehr als zwei Minuten stand die Zeit still. Dann eine blitzschnelle Morgendämmerung, ein Morgenleuchten, eine Lichtwelle, die mit einer Geschwindigkeit von 2.600 km pro Stunde über das Land raste und alles war wieder taghell. Das stille Schaudern und die staunende Gebanntheit waren so schnell vorüber, wie sie gekommen waren. Beim Morgenleuchten vollzog sich noch ein blitzschnelles phänomenales Lichtspiel am Himmel. Die hellen Fluten der Sonne brachten das Leben zurück. Der Windzug war verschwunden. Die Temperatur stieg spürbar an.

Ich empfand die Sonnenfinsternis des Jahres 1999 als eine geradezu mystische Erfahrung. Auch Mario Roso de Luna, der die Sonnenfinsternisse auf der Iberischen Halbinsel in den Jahren 1900, 1905 und 1912 miterlebt hatte, beschreibt das Erlebnis des Mondschattens als eine mystische Erfahrung, die in dem “Bewusstsein eines Vate” intuitiv erfasst werden könne: „Para entender a derechas el místico e inefable sentido que encierra el hecho de colocarse un hombre a la sombra de la Luna, es preciso … el ser poeta, es decir vate, intuitivo, cosa que sólo podemos alcanzar los mortales cuando ligamos la ciencia con el sentimiento … “ [[i]] Besonders fasziniert war Roso de Luna von der lange andauernden totalen Sonnenfinsternis des Jahres 1905, die auf dem Sternenweg in Nordspanien zu sehen war. Am 12. August des Jahres 2026 wird der Kernschatten des Mondes auf dem Sternenweg zwischen Bilbao und Santiago de Compostela erneut zu sehen sein. Ganz Asturien wird dann erfüllt sein von diesem kosmischen Naturschauspiel.

Ich denke noch oft an diesen Tag, an dem ich den Schatten des Mondes mit allen Sinnen spüren durfte. Dabei gerate ich manchmal in philosophisches Staunen über die Unermesslichkeit des Kosmos: Beim meditativen Wandern gehe ich mit einer Geschwindigkeit von etwa 2 km pro Stunde relativ zur Erde unter meinen Füßen. Doch auch die Erde bewegt sich, und zwar schnell. Die Erde rast mit mehr als 1.600 km in der Stunde um ihre eigene Achse und zugleich mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit von 108.000 km pro Stunde um die Sonne. Und die Sonne rast ihrerseits samt all ihrer Planeten mit etwa 960.000 km pro Stunde um das Zentrum unserer Galaxie. Und die Milchstraße rast mit noch weit höherer Geschwindigkeit durch das Universum. Und das Licht, das meine Augen aufnehmen und in Bilder von der Welt umwandeln, hat sogar eine Reisegeschwindigkeit von 300.000 km pro Sekunde. Das wärmende Licht unserer Sonne braucht damit nur 8 Minuten bis wir es als wohltuendes Licht auf unserer Haut spüren können. Lange zuvor ist es im Zentrum der Sonne entstanden und in einem Prozess, der etwa 10 Millionen Jahre andauert, bis zur Oberfläche der Sonne aufgestiegen. Wir leben dank des Lichts, das in der Tiefe der Sonne geboren wurde, auf einer 4,8 Milliarden Jahre alten Erde, deren Teil wir sind und die zugleich in uns ist, die wiederum Teil einer Galaxie ist, deren Sternenschweif wir in klaren Nächten am Himmelszelt bewundern können. Die Milchstraße soll von 300 Milliarden Sternen erleuchtet sein und ihr Durchmesser liegt bei über 100.000 Lichtjahren. Unsere Heimatgalaxie ist wiederum Teil des Galaxienclusters Laniakea mit über 100.000 Galaxien und einer Ausdehnung von 520 Millionen Lichtjahren. Der gesamte Kosmos soll vor 13,8 Milliarden Jahren entstanden sein und mindestens mehrere hundert Milliarden Galaxien beheimaten. Und sicherlich ist auch das uns bisher bekannte Universum auch wieder Teil einer noch immenseren Welt von unendlichen Universen und Dimensionen, die uns umgeben und die zugleich in uns sind. Wir sind aus Sternenstaub. Wir können uns in die Unendlichkeit des Universums hineindenken, hineinfühlen und zugleich auch in den Mikrokosmos der Quantenwelt und noch weit tiefer hinein in die Unendlichkeit des Seins. Im Bruchteil einer Sekunde kann der menschliche Geist die Jahrmilliarden der Zeit und die Milliarden Lichtjahre des Raums überspringen und in seinen Gedanken ein Abbild dieses Wunders erzeugen.

Was bleibt, wenn ich an sakralen Orten am Sternenweg innehalte und in die Unendlichkeit des leuchtenden Nachthimmels schaue, ist ein Gefühl ehrfürchtigen Staunens im Schauen der Schönheit des Alls, in seiner schweigend scheinenden ewigen Wandlung. Wir gewahren, wie die Sterne entstehen und vergehen, wie das Leben wird und sich ins Ewige wandelt, doch sobald wir vermeinen, das Geheimnis des Alls zu enthüllen, wird das Staunen größer und wir greifen in die endlose Leere des Unsagbaren. Wo wir auch immer hindenken, überall finden wir eine Grenze, an der sich die Zeit verändert, auflöst oder wandelt und an der sich Materie und GEIST verbinden und ineinander zu verschmelzen scheinen. Fest steht: Das Wenige, was wir bisher über den Kosmos in uns und um uns wissen, weist Resonanzen auf mit den Berichten aus Jahrtausenden, in denen Menschen ihre Erfahrungen aus inneren mystischen Reisen kundtun.

...

 


[i] Mario Roso de Luna: El Tesoro de los Lagos de Somiedo, Edición de Esteban Cortijo Parralejo, Sevilla, 2006, Seite 46

 

Mario Roso de Luna hat Werke der Theosophin Helena Petrovna Blavatsky ins Spanische übersetzt und selber Werke verfasst, die unter der Bezeichnung „Biblioteca de las Maravillas“ veröffentlicht wurden. Darunter eine Erzählung über seine Reise durch Asturien eine okkulte Erzählung, in der eine Reise durch Zeiten und Räume in Asturien zu einer Initiationsreise wird: Wer nicht mit dem Herzen sieht, wer nicht zu träumen wagt, der wird die Essenz dieser Erzählung nicht erfassen. Wollen wir uns also einlassen auf eine neue Art des Träumens, auf Träume, die bis in den Himmel hinein zu reichen scheinen und zugleich in die Tiefen der Essenz des Lebens hinabreichen. Mit solchen einführenden Gedanken beginnt Mario Roso de Luna seine brillante Erzählung. Sie trägt den Titel "El Tesoro de los Lagos de Somiedo". Er beschreibt darin seine Reiseerlebnisse im Nordwesten der Iberischen Halbinsel im Jahre 1912. Das Buch ist eine literarische Meisterleistung der Anwendung theosophischer Sichtweisen auf Erscheinungen in der materiellen Welt.

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