Priscillian und sein Vermächtnis auf dem Sternenweg: Die Lichtgötter des Monte Sueve

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg - Der Ruf des Sueve

478 Seiten, mit vielen Zeichnungen und Fotos (s/w), 2. erweiterte Auflage 2018
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Auszug aus dem Kapitel "Die Lichtgötter des Monte Sueve":

In der Nähe einiger vorrömischer befestigter Siedlungen (Castros) in Asturien wurden große steinerne Sonnenscheiben gefunden. Sie kennzeichneten den Kultplatz der Siedlung. Hier wurden Rituale durchgeführt und die Körper der Verstorbenen verbrannt. Es waren kollektive Kultplätze, an denen die Verbindung hergestellt wurde zwischen dieser Welt und der Anderswelt als dem Ort, an dem die Ahnen weiterleben. Die Sonne war die Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der weiterlebenden Ahnen, die durch die Kraft des Lichts, durch die Kraft der Sonne, in jedem Morgenleuchten neu erwachen. Die vorrömischen Sonnen- und Astralkulte wurden auch in römischer Zeit praktiziert. Zeugnisse dafür sind in der Symbolik einiger Stelen rund um den Monte Sueve zu finden. In der Nähe der ehemaligen Castros Antrialgo und Argandenes (Piloña) und auch an weiteren Orten fand man eine Reihe von Stelenteilen mit einer schlangenartig verwobenen Sonnensymbolik. [[i]]

Ein ganz besonders imposantes Monument, das diese Symbolik aufweist, ist die Stele von Duesos (Caravia). Erhalten geblieben ist der untere Teil dieses großen Sonnenrades mit ineinander verwobenen Schlangenlinien und spiralförmigen Sonnensymbolen. Die Stele von Duesos stammt wahrscheinlich aus dem ersten Jahrhundert n.Chr. Sie wurde an der Kirche Santiago de Duesos in Caravia entdeckt. Die Fundstelle gehört zu einem alten örtlichen Friedhof, der bis zum Jahre 1916 noch genutzt wurde. Die Symbole der Stele von Duesos finden sich sowohl auf der Vorder- und der Rückseite wie auch an den beiden Seitenteilen. Auch der steinerne Sockel ist reich verziert. Der Durchmesser des Sonnenrades betrug etwa 160 cm und die Gesamthöhe etwa 240 cm.

Ein weiteres steinernes Sonnenrad ist aus Oles (Villaviciosa) bekannt: La Estela de La Lloraza. Auch an anderen Orten Asturiens und Kantabriens sind ähnlich große Sonnenräder gefunden worden. Zumeist befanden sich diese imposanten Sonnenräder an christlichen Kirchen und Kapellen. Sie sind weitere Beispiele für die Kultortkontinuität auf dem Sternenweg. [[ii]]

Bei der Ankunft der Römer waren Astralkulte prägend für die Region rund um den Monte Sueve. Während es sich bei den vorrömischen steinernen Monumenten mit Astralsymbolen zumeist um kollektive Weihesteine handelte, wandelte sich dies in römischer Zeit zu Astralabbildungen auf individuellen Gedenksteinen für Verstorbene.

Bei den astralen Symbolen handelt es sich zumeist um Sonnensymbole, aber auch Mond- und Sternsymbole kommen vor sowie eine Kombination aus Astralsymbolen, die an den himmlischen Sternenweg, die Milchstraße, erinnern. Die Sonne stellt dabei die Verbindung dar zwischen Himmel und Erde, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen dieser Welt und der Anderswelt. Auf dem gesamten Sternenweg sind Monumente mit mannigfaltiger Astralsymbolik aus vorrömischer und römischer Zeit zu finden, doch im Nordwesten der Iberischen Halbinsel war diese astrale Religiosität offenbar besonders verbreitet. Darauf weist Narciso Santos Yanguas hin. [[iii]] Seine Beispiele beziehen sich oft auf die Region rund um den Monte Sueve. Neben den steinernen Sonnenrädern in Caravia und Villaviciosa beschreibt er die Gedenksteine mit Astralsymbolen in Cofiño, Bodes, Borines, San Esteban de Leces und weitere in Cangas de Onís. Er interpretiert die Astralsymbolik auf den Gedenksteinen als Manifestation eines Glaubens an ein Auferstehen nach dem Tode in Analogie zu der „Auferstehung“ der Sonne in jedem neuen Morgenleuchten.

Mit den aufkommenden christlichen Einflüssen wurden astrale Symbole und christliche Kreuze manchmal miteinander kombiniert oder das Kreuz ersetzte die Astralsymbole. Die Botschaft von der Auferstehung blieb dabei weitgehend erhalten. Die vorchristlichen astralen Weihesteine, Gedenksteine und Sonnenräder wurden in christlicher Zeit zum Teil weiter für Kultzwecke genutzt und nicht etwa zerstört. Die bis heute erhaltenen Astralmonumente wurden in der Nähe von christlichen Kirchen, im Innenbereich der Kirchen oder am Eingangsportal gefunden. Bei der Errichtung von neuen christlichen Kirchen wurden die paganen Ritual- und Gedenksteine aus den ersten kleinen christlichen Kapellen häufig in die neuen Kirchen integriert. So ist der Weihestein mit der Anrufung der Gottheit Lugovio Tabaliaeno noch heute im Eingangsbereich der Ortskirche in Grases (Villaviciosa) zu sehen. Der Gedenkstein des Antonio Paterno, mit Astralsymbolik, ist am Eingang der Ortskirche in Borines (Piloña) zu sehen. Auf dem Gedenkstein der Ammia Caelionica (Cofiño, Parres) ist die Sonne als symbolische Begleiterin der Verstorbenen ins Jenseits abgebildet. Der Gedenkstein des Marco Licinio, ebenfalls mit einer astralen Symbolik, wurde in San Esteban de Leces (Ribadesella) gefunden. Die meisten dieser im christlichen Umfeld aufgefundenen Gedenksteine und Votivsteine aus römischer, spätrömischer und suevischer Zeit weisen eine pagane Inschrift auf. Zumeist erfolgt die Anrufung der Ahnengeister (Dis Manibus). [[iv]]

Auf mein besonderes Interesse stieß ein Gedenkstein, der bis ins 19. Jahrhundert am Eingang der Kirche Santo Tomás de Collía (Parres) angebracht war. Anläßlich unserer Familienbesuche nahm ich gemeinsam mit meinem Schwiegervater ab und zu an den Messen in der Kirche Santo Tomás teil. Meine Schwiegereltern und ihre Vorfahren waren seit Jahrhunderten an diesen Ort gekommen, um an den Messen teilzunehmen, zu beten, zu bitten, mit den Bewohnern der umliegenden Weiler Neuigkeiten auszutauschen und zusammen zu feiern. Auch die existentiellen Momente des Lebens, wie Vermählungen, Taufen und die Abschiednahme von Verstorbenen hatten hier ihren Ort.

Mein Schwiegervater erzählte mir von alten Steinen, die hier gefunden worden seien und von einem alten Gräberfeld in der Nähe der Kirche. Heute führt die Straße AL260 Arriondas – Colunga (Carretera del Fito) über einen Teil des alten Friedhofs hinweg. Einige Gräber sollen sich nach seinen Angaben noch im Böschungsbereich neben der Straße zur Kirche hin befinden. Bei meinen Recherchen zu den „alten Steinen“ in der Nähe dieses Ortes stieß ich auf den Gedenkstein des Bovecio, Sohn des Bode. Der Grabstein gilt als das beste Beispiel für solare Ahnenkulte in Asturien. Der Stein hat die Form einer Sonnenscheibe. Die Inschrift ist von einem gewölbten Rand umgeben. Der untere Teil des Steins, mit dem der Gedenkstein in der Erde über dem Grab des Verstorbenen verankert war, ist nicht erhalten. Dieses Monument eines paganen Sonnenkults befand sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an zentraler, gut sichtbarer Stelle an der Wand des Kircheneingangs von Santo Tomás. Es erinnert an einen Menschen mit dem Namen Bode und seinen Sohn, der wahrscheinlich im Jahre 478 im Alter von 55 Jahren verstorben ist. [[v]] [[vi]]

Der Name Bode hat sich in der Bezeichnung der umliegenden Orte und Landschaften bis heute in der Form erhalten, wie er bereits vor mehr als 1.500 Jahren auf dem Gedenkstein verzeichnet war. Die kleinen Dörfer Bodes und Bode liegen in exponierter Lage, nicht weit vom Fundort der Steininschrift. Das Dorf Bodes ist durch einen historischen Weg mit dem Fundort Santo Tomás verbunden und nur wenige hundert Meter entfernt. Ein Zufluss des Río Sella, der in den Höhenlagen der Sierra del Sueve entspringt und durch den Ort Bodes fließt, trägt ebenfalls den Namen Bode. Bodes wurde im Jahre 926 erstmals urkundlich erwähnt, dank der Schenkung der örtlichen Kirche durch den Bruder von Fruela II., dem letzten König des asturischen Königreichs (718-925). Ein weiterer Ort mit dem Namen Bode liegt nur wenige Kilometer von Bodes entfernt. Auch hier trägt ein Nebenfluss des Río Sella den Namen des Ortes: Río Bode. [[vii]]

Ich fand es ja schon überaus bemerkenswert, dass es in einer relativ überschaubaren Region wie rund um den Monte Sueve so viele Hinweise auf Sonnenkulte gab. Waren die megalithischen Monumente, die riesigen steinernen Sonnenräder, die Weihesteine und die Gedenksteine rund um den Monte Sueve schon sehr beeindruckend, so steigerte sich meine Verwunderung noch, als ich auf weitere Sonnen- und Lichtkulte stieß: den Lichtgott Lug und den Sonnengott Mithras.

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[i] Vgl.: Enrique Caso Blanco: Prospección en el valle del Piloña - 2002. Zona Infiestu – Villamayor; in: Excavaciones arqueológicas en Asturias1999-2002, Gobierno del Principado de Asturias, Oviedo, 2007, Seite 471-476

 

[ii] Vgl.: Eduardo Peralta Labrador: Los Cántabros antes de Roma, Madrid, 2003, Seite 79f

 

[iii] Vgl.: Narciso Santos Yanguas: Representaciones solares en la epigrafía de Asturias; in: Revista Hispania antiqua, No.40, Valladolid, 2016, Seite 135-167

 

Vgl. auch: Narciso Santos Yanguas: Estelas discoideas y mundo funerario; in: La Asturias antigua. Panta Rei. Revista Digital de Ciencia y Didáctica de la Historia, Murcia, 2017, Seite 41-57

 

[iv] “En el suelo correspondiente a la Asturias antigua se ha descubierto un conjunto de inscripciones, en su mayor parte de carácter funerario (aunque en algunos casos, los menos, se correspondan con estelas votivas), en las que se nos muestra la representación del sol, por lo general en la cabecera de las mismas; indudablemente tales figuraciones hay que conectarlas en un principio con la religiosidad naturalista arraigada entre los habitantes de dicho territorio desde la etapa prerromana, pero también, lo que no es menos significativo, con el mundo de ultratumba y el renacer del difunto (-a) al alba de cada nuevo amanecer.”

Narciso Santos Yanguas: Representaciones solares en la epigrafía de Asturias, a.a.O.: Seite 135

 

[v] Vgl.: Narciso Santos Yanguas: El epitafio de Bovecio (Collía, Parres) y la asociación del culto solar con el mundo de ultratumba en Asturias antigua; in: Tiempo y Sociedad, Revista de Historia y Humanidades, Nr. 23, Gijón, 2016, Seite 7-26

 

Vgl. auch: Ciriaco Miguel Vigil: Asturias Monumental, Epigráfica y Diplomática, Datos para la Historia de la Provincia, Texto, Oviedo, 1887, Seite 300f und LÁM. J I., Núm. J 4

 

[vi] Mein Interesse für diesen Gedenkstein wurde noch zusätzlich angeregt, als ich in der Literatur auf sehr unterschiedliche Datierungen gestoßen war. In neueren Veröffentlichungen wird als Entstehungszeit die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts angegeben. Dabei bleibt eine Jahresangabe in der letzten Zeile der Inschrift unberücksichtigt, da sie nicht lesbar sei. In der Datenbank Hispania Epigraphica wird als Jahresangabe gar „aera CXV“ (115) angegeben. Die Schwierigkeiten der zeitlichen Datierung sind vor allem auf die verschiedenen Interpretationen der letzten Zeile zurückzuführen. Dort ist der Stein gebrochen und nur einige Reste der Inschrift sind sichtbar. Ich beschloss, diese letzte Zeile genauer zu untersuchen und machte selbst Fotos des Gedenksteins. Dann versuchte ich, so gut es mit Standardprogrammen der Fotoanalyse möglich ist, die noch lesbaren Linien genau zu identifizieren. Ich besorgte mir auch alle verfügbaren frühen Aufnahmen und Zeichnungen dieses Steins. Wenn man von der Annahme ausgeht, dass es sich bei den letzten Zeichen der Inschrift um eine Jahresangabe in römischen Ziffern handelt, dann komme ich auf DXVI. Dies entspricht dem Jahr 516. Die Frage ist nur, um was für eine Zeitrechnung es sich dabei handelt. In den Dörfern um den Fundort des Gedenksteins hat man einige weitere Gedenksteine aus spätrömischer Zeit gefunden, die sich auf die Zeitrechnung einer „ERA CONSULAR“ beziehen. Das ist eine indigene Zeitrechnung, die fast nur hier im östlichen Asturien und in Kantabrien auf Gedenksteinen zu finden ist. Auch der Chronist Hydatius verwendete diese Zeitrechnung in seiner Chronik, die um 469 niedergeschrieben wurde. Aus dieser Zeitrechnung entwickelte sich die „ERA HISPANICA“. Diese „Spanische Ära“ beginnt mit einem Ereignis aus dem Jahr 38 v.Chr. Das bedeutet, der Gedenkstein des Bovecio, Sohn des Bode, stammt aus dem Jahr 478 (516 minus 38) – falls meine Annahmen hinsichtlich der Interpretation der eventuellen Jahresangabe des Gedenksteins und hinsichtlich der Basis für die Zeitberechnung zutreffen. Meine Überlegungen zu der Datierung des Bode-Steins hatte wohl im 19. Jahrhundert bereits Aureliano Fernández angestellt. Er kam auf die römische Jahresangabe 477 (DXV = 515 minus 38). Die römische 1 (I) hinter der 5 (V) hatte ich bei der digitalen Fotoanalyse als wahrscheinliches weiteres Zeichen entdeckt. So ergab sich die Jahresangabe 478.

 

Vgl. auch: Aureliano Fernández Guerra y Orbe: Cantabria, Madrid, 1878, Seite 49

 

[vii] Der Name Bode und verwandte Bezeichnungen finden sich auch auf spätrömischen Gedenksteinen der Vadinienses, die in der Gegend um Cangas de Onís und in weiten Teilen Kantabriens lebten. Sie waren mit den Orgenomescos des Monte Sueve nachbarschaftlich und familiär eng verbunden. Partnerschaften sind auf Gedenksteinen verzeichnet. Die Häufigkeit des Namens Bode spricht für die Bedeutung dieses „Bode-Clans“. Die Errichtung eines Gedenksteines war in spätrömischer und suevischer Zeit nur wenigen Menschen möglich. Sie mussten über ausreichende ökonomische Mittel verfügen und gehörten sicherlich der lokalen Machtelite an.

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