Priscillian und sein Vermächtnis auf dem Sternenweg: Der Sternenweg

Priscillians Vermächtnis auf dem Sternenweg - Der Ruf des Sueve

478 Seiten, mit vielen Zeichnungen und Fotos (s/w), 2. erweiterte Auflage 2018
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Auszug aus dem Kapitel "Der Sternenweg":

„Ich bin da“, schoss es mir durch den Kopf. Endlich angekommen am „Ende der Welt“, nach so langer Zeit. Meine Jeans war zerbeult und abgetragen, die Wanderkappe hing mir tief im Gesicht. Es war ein strahlend schöner Sommermorgen, der Himmel tiefblau, der Blick so weit, dass die Krümmung der Erde zu erahnen war. Meine Finger umschlossen den Wanderstab, an diesem Tage ein etwas lang geratener, knorriger, gebogener, aber sehr angenehm in der Hand liegender Ast. Ich gehe gerne mit wechselnden Wanderstäben. Sie liegen überall herum. Am Wegesrand oder in den Wäldern findet sich immer ein geeigneter Stock. Die Eukalyptusstäbe sind federnd, kerzengerade und schlank. Manchmal nehme ich auch die, doch die knorrigen dickeren, gebogenen, mit einer kleinen Windung in Handhöhe, das sind die Besten.

Ganz langsam, mit bedächtigen kleinen Schritten, näherte ich mich dem Endpunkt des Jakobsweges in Finisterre. Ich genoss jeden einzelnen Schritt wie niemals zuvor. Mit schweren Rucksäcken beladene Pilger zogen an mir vorüber. Da hingen Töpfe, gebrauchte Socken und eine übergroße Jakobsmuschel, an Schnüren angebunden winkten sie mir zu.

Ein anscheinend aus dem Mittelalter herbeigezauberter Gaukler am Straßenrand machte seine neckischen Spiele. Plötzlich hörte ich ganz in meiner Nähe ein herzerfüllendes Lachen. Ich schaute mich um. Es war meine Tochter, mit der ich den Weg gemeinsam gegangen war. Ihr Lachen war ansteckend. Ich lachte ebenso, aus tiefstem Herzen. Ein Gefühl der vollkommenen Freude durchdrang meinen Körper und meine Seele.

Als ich mich nach dem Grund ihres nicht enden wollenden Lachens erkundigen wollte, wurde es mir auch ohne eine Antwort schlagartig klar. Das war eine sehr skurrile Situation. Ein außenstehender Beobachter musste sogar den Eindruck haben, dass wir Jakobspilger sein könnten, dass wir nach einer langen Pilgerreise auf dem Jakobsweg nun das ersehnte Ziel erreicht hatten, nach beschwerlichen Tagen und Nächten voller Entbehrungen, Blasen an den Füßen, nach vielen Abenteuern und Erkenntnissen, gestartet Wochen zuvor, die Pyrenäen überwunden, das kantabrische Gebirge durchpilgert, von Herberge zu Herberge, stinkende Socken ertragen, auch das Kommen und Gehen in den oft überfüllten Pilgerherbergen, ohne Ruhe, weil manch ein Pilger die Nacht durchschnarcht und dann früh am Morgen der erste auf der Piste sein möchte und mit lautem Getöse die Pilgergeschwister weckt. Wer uns für Jakobspilger hielt, der lag kräftig daneben. Unser Auto stand nur ein paar Ecken weiter und wir hatten gerade königlich gefrühstückt, an einem nahegelegenen Campingplatz in traumhafter Lage.

Erst viel später sollte sich herausstellen, dass dieser Besuch am Cabo Finisterre der Anfang einer Reise auf dem Sternenweg war, die sich zu einem meiner größten Abenteuer entwickeln sollte. Ich interessierte mich fortan noch mehr für den Sternenweg, für seine Ursprünge und die Faszination, die von diesem Pilgerweg ausgeht. Zurückblickend kann ich sagen: Das nun vor Ihnen liegende Buch ist letztlich auf diesen Tag am „Ende der Welt“ zurückzuführen. Hier nahm es seinen Anfang.

Meine Reise führte mich zunächst zu den Anfängen des Jakobsweges. Ich wollte genau wissen, was es mit dem Jakobsweg auf sich hat, wie er entstanden ist und warum sich so viele Menschen aus ganz Europa auf diesen Weg begeben.

 

Im Buch folgt hier ein Foto: Cabo Finisterre

 

In der traditionellen Überlieferung zur Entdeckung des Apostelgrabes in Santiago de Compostela heißt es, dass ein Eremit mit dem Namen Pelayo (Pelagius) um das Jahr 818 mehrere Nächte lang ein wundersames Strahlen über einem Hügel beobachtete, einen Glanz, der von zur Erde schweifenden Sternen ausging. Diese Erscheinung hatte Pelayo im Wald mit dem Namen Libredón. Der Legende nach wurde auf diesem Sternenfeld (Campus Stellae) das Grab des Apostels Jakobus der Ältere entdeckt. Heute befindet sich dort Santiago de Compostela, das Ziel von Millionen Pilgern aus ganz Europa. Zum Symbol für den Pilgerweg wurde die Jakobsmuschel. Die Linien dieser Muschel erinnern an das Strahlen der Sterne auf dem „Campus Stellae“. [[i]]

Bereits einhundert Jahre zuvor ritt der gleichnamige asturische Held Pelayo (Pelagius) durch die Wälder bei Liberdón am Monte Sueve. Das liegt etwa 350 km östlich von Santiago de Compostela. Pelayo gilt als der erste König des asturischen Königreichs. Unter einem seiner Nachfolger (Pelayos Urenkel Alfonso II.) entstand die Legende von der Entdeckung des Jakobusgrabes. Alfonso II. hatte gute Kontakte zum Königshof Karls des Großen. Der Überlieferung nach ist Jakobus dem Frankenkönig Karl in einem Traum erschienen. Jakobus zeigte Karl dem Großen in diesem Traum den Sternenweg und prophezeite, dass alle Völker dorthin pilgern werden – bis zum Ende der Zeiten. Die Legende findet sich in der Historia Karoli Magni et Rotholandi (Pseudo-Turpin) als Teil der Sammelhandschrift Liber Sancti Jacobi aus dem 12. Jahrhundert. Dieser Kodex enthält auch weitere außerordentlich aufschlussreiche Zeugnisse rund um den Jakobskult in Santiago de Compostela: Liturgische Gesänge und Texte, Erzählungen von Wundern während der Pilgerreisen, die wundersame Geschichte der Überführung des Jakobus und Wegbeschreibungen für vier verschiedene Routen. [[ii]]

Die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg ist im Liber Sancti Jacobi erstmals in einer umfassenden Weise, fesselnd, detailreich und praxisorientiert beschrieben. Man könnte den Kodex als Werbeschrift-Sammlung für einen Besuch Santiagos ansehen. Doch selbst in diesem weit verbreiteten mittelalterlichen Pilgerführer endet die Reise nicht etwa am vermeintlichen Grab des Apostels. Sie führt weiter ans Meer, dem eigentlichen weltlichen Ziel der Pilgerschaft. Von Meer zu Meer wandernd, werden die Völker dorthin pilgern, bis zum Ende der Zeiten – so heißt es dort.

Der Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert setzt den Pilgerweg in einen weiten zeitlichen Kontext: „Wir möchten darlegen, wie der Pilgerweg auf die alten Väter zurückgeht und wie er beschritten werden soll. Er nahm seinen Ausgang bei Abraham…“ [[iii]]

Im Liber Sancti Jacobi wird die Muschel als Kennzeichen der Pilgerschaft hervorgehoben. Die zwei Schilde der Muschel symbolisieren darin die zwei Aspekte der Nächstenliebe; „das heißt Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst zu lieben.“ [[iv]] Während der Reise war die Jakobsmuschel Kennzeichen der Pilger und gewährte einen gewissen Schutz. Vor dem Nordtor der Kathedrale in Santiago wurden Muscheln vom „Ende der Welt“ dargeboten. Man konnte dort auch nachgebildete Muscheln aus Silber, Blei und Zinn erwerben. Auch in Gräbern von Jakobspilgern fand man die Jakobsmuscheln. Wer zu Lebzeiten den Weg gegangen war, der konnte die Muschel wohl als „Eintrittsbillet in den Himmel“ ansehen. Das wäre eine Fortführung der Vorstellungen von der Reise nach dem Tod, wie sie schon in vorchristlicher Zeit mit dem „Ende der Welt“ verbunden waren. [[v]]

Unter den Schriften des Liber Sancti Jacobi aus dem 12. Jahrhundert findet sich auch die Predigt „Solemnia sacra“. Darin wird auf eine doppelte Bedeutung des Jakobusweges als innerer und äußerer Weg hingewiesen. Es ist die Reise bis zum Ende der irdischen Welt, die zugleich als eine innere Reise hinauf zum Himmel erfahren werden kann, erhöht über alle Sterne in das Zuhause der himmlischen Heimat, die mancher Pilger bereits als inneres Gewahrsein auf dem Weg erfahren durfte. Anderen blieb die hoffnungsfrohe Gewissheit einer Aufnahme ins Himmelreich nach dem Ende ihres irdischen Lebens. Der Pilgerweg hat in dem mittelalterlichen ersten Pilgerführer nicht nur eine individuelle Bedeutung. Die Reise auf dem Jakobusweg ist darüber hinaus auch Sinnbild für die Reise der Menschheit. Im Liber Sancti Jacobi (Predigt „Veneranda dies“) wird auf diese grundlegende Bedeutung für die gesamte Menschheit verwiesen. Als eigentlicher Beginn der menschlichen Pilgerschaft gilt darin bereits der Weg aus dem Paradies hinaus in die Fremde der Welt, um dort den Weg zurück in das „himmlische Vaterland“ zu finden. [[vi]]

Das Wort Pilger meint den Fremdling, der auf dem Weg ist, der das Heil in der Fremde der irdischen Welt sucht – wie es auch in der Bibel zu lesen ist: „In dieser Welt seid ihr Fremdlinge und Pilger“. [[vii]]

Ich gehörte eher zu den Ungläubigen. Wie sollte eine anstrengende Pilgerschaft zu dem Grab eines schon lange Verwesten irgendetwas Positives bewirken. Ich kannte den Ablasshandel und ähnliches dummes Zeug. Dabei wurde den Pilgern vorgegaukelt, durch Geldzahlungen und allerlei leidvolle Bußrituale und Selbstkasteiungen ins Himmelreich aufgenommen zu werden.

Dennoch: Mein Interesse war nach dem Besuch in Finisterre geweckt. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und fragte weiter nach den Ursprüngen der Jakobusverehrung. Ich suchte die Kathedrale in Santiago auf und begab mich wiederholt an die Meeresküste am „Ende der Welt“. Die Orte, die ich bei diesen Erkundungen der faszinierenden Naturlandschaften entlang der Küste entdeckte und ihre geheimnisvolle Kraft, die ich förmlich zu spüren meinte, motivierten mich, weiter Fragen zu stellen und Bibliotheken aufzusuchen. Schnell sollte sich herausstellen, dass sich jenseits der offiziellen Darstellung der Geschichte des Jakobusgrabes in Santiago de Compostela noch sehr viel mehr verbirgt.

Jakobus der Ältere wird in der Apostelgeschichte der Bibel erwähnt. Demnach wurde er während der Herrschaft des Herodes Agrippa I. (41-44 n.Chr.) mit dem Schwert hingerichtet und enthauptet. Der Leichnam soll dann der Legende nach per Schiff aufs Meer hinausgetragen worden sein. Im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, im heutigen Galicien, soll das Schiff angelandet sein und im Landesinnern wurde Jakobus demnach beigesetzt; an dem Ort, der heute Santiago de Compostela genannt wird. Der Name der Stadt kann übersetzt werden mit „Jakobus vom Sternenfeld“.

Zwar konnten archäologische Funde bestätigen, dass sich unterhalb der heutigen Kathedrale in Santiago de Compostela zu römischer Zeit ein Gräberfeld befand. Doch in Hispanien [[viii]] wusste bis zum 8. Jahrhundert kein Chronist und kein christlicher Schriftsteller von der Verbindung des Jakobus zu Galicien. Wie kam es dennoch zu der Geschichte des Jakobusgrabes in Santiago de Compostela?

 

Der Historiker Michael Mitterauer hat die Entstehungsgeschichte der Jakobuslegende in seinem Buch „St. Jakob und der Sternenweg“ [[ix]] gut nachgezeichnet: Von einem Mönch (Beatus) des Klosters San Martín de Turieno im Liébana-Tal wird Jakobus in einem Kommentar zur Apokalypse am Ende des 8. Jahrhunderts als Prediger in Hispanien bezeichnet. Das Kloster trägt heute den Namen Santo Toribio de Liébana und liegt in den Picos de Europa. Dem Mönch Beatus wird auch ein Hymnus zugeschrieben, der dem asturischen König Mauregatus (783-788/9) gewidmet ist. Darin wird Jakobus als golden strahlendes Oberhaupt Hispaniens, als Schützer und hilfreicher Patron bezeichnet. Der Mönch Beatus knüpfte mit seiner Geschichte an die Schrift „Breviarium apostolorum“ an. Darin sind die Missionsgebiete und die Orte der Grablegung der Apostel aufgeführt. Im 7. Jahrhundert war in Hispanien eine Version der Schrift bekannt geworden, in der das Missionsgebiet für Jakobus den Älteren von Judäa nach Hispanien verlagert wurde. Als Ort der Grablegung wurde „Achaia Marmarica“ angegeben, ein Ortsname, der in Hispanien unbekannt war. Auch die Missionsgebiete des Matthäus und des Philippus wurden in der Schrift „Breviarium apostolorum“ neu zugeordnet.

Diese erfundenen Änderungen spiegelten eine Machtverlagerung von der östlichen zur westlichen Christenheit wider. Hintergrund sind Kirchenspaltungen des 5. und 6. Jahrhunderts, bei denen es um unterschiedliche Sichtweisen zu christologischen Fragen ging. Beatus vertrat sehr vehement eine orthodoxe Kirchenlinie und verfasste eine weithin beachtete Streitschrift zu christologischen Fragen.

Die kirchenpolitisch motivierte Erfindung des Jakobus als golden strahlendes Oberhaupt Hispaniens, als Missionar und Prediger auf der Iberischen Halbinsel, als Schutzpatron eines Gemeinwesens, passte auch herrschaftspolitisch in die damalige Zeit.

Beatus stand dem asturischen Königshof nahe. Dort konnte er die Geschichte von Jakobus in Hispanien bekannt machen. Einige Jahre nach dem Tod des Mönchs aus den Picos de Europa (um 799) wurde die Nachricht von der Entdeckung des Apostelgrabes verbreitet. Die vermeintliche Entdeckung des Grabes führte zur Gründung von Santiago de Compostela durch Alfonso II., König von Asturien und Galicien (zunächst kurzzeitig 783, dann von 791 bis 842). Der König soll von Oviedo nach Santiago de Compostela gepilgert sein. Er gilt daher als erster Pilger auf dem Jakobusweg. Alfonso II. nennt Jakobus in einer Urkunde Patron und Herrn von ganz Hispanien. Er knüpft damit an die erfundene Geschichte im Hymnus des Beatus an.

Die Nachricht von der vermeintlichen Entdeckung des Apostelgrabes verbreitete sich schnell. Ab dem 9. Jahrhundert waren die asturisch-galicischen Wege die Pionierpfade, über die Pilger nach Santiago de Compostela geführt wurden. Nachdem Oviedo als Residenzstadt der Könige bereits ab dem 10. Jahrhundert von León abgelöst wurde, verlagerte sich auch der Pilgerweg in südliche Richtung und der „Camino Francés“ erfreute sich ab dem 11. Jahrhundert zunehmender Beliebtheit. Der Seeweg gehörte ebenfalls zu den frühen Pilgerwegen, mit einem Netz von Pilgerherbergen in britischen Hafenstädten. Oviedo blieb als Wallfahrtsort zu Jesus-Reliquien bis heute bedeutsam. In der Cámara Santa der Kathedrale von Oviedo werden angeblich das Schweißtuch Jesu, Splitter des Kreuzes Jesu und Dornen der Dornenkrone Jesu (dem Erlöser) aufbewahrt. In einem Leitspruch, der in verschiedenen Sprachen und Variationen überliefert ist, heißt es denn auch: „Wer zum heiligen Jakob geht und nicht zum Erlöser, der besucht den Knecht und versäumt den Herrn.“

Auch heute noch sind die Spuren der Pilgerfahrten aus Jahrhunderten in Asturien und Galicien gegenwärtig, in den Kapellen und Kirchen, den Namen und Symbolen der Kirchen und in den lokalen Traditionen und Festen. Die Sakralarchitektur ist in Asturien einzigartig. Hier hat sich ab dem 8. Jahrhundert eine eigenständige präromanische Bauweise entwickelt. Einige dieser Sakralbauten sind heute UNESCO-Welterbestätten. Der Jakobsweg gehört seit 1993 zum Welterbe der Menschheit. Im Jahre 2015 wurde auch die Küstenroute des Jakobsweges als Welterbe einbezogen.

Es gibt viele gute Gründe, den Weg nach Santiago de Compostela zu gehen. Erstaunlich erscheint mir jedoch, dass sich auch heute noch einige Menschen auf den Jakobsweg machen, die immer noch der festen Überzeugung sind, dass dort das Grab des Apostels Jakobus zu finden sei. Compostela ist vielleicht ein gutes Beispiel für ein weit verbreitetes Phänomen: Der Glaube an eine erfundene Geschichte als historische Wahrheit kann über lange Zeit aufrechterhalten werden, wenn sie als angebliche historische Wahrheit nur oft genug von interessierter Seite mit ausreichendem Einfluss und Macht wiederholt wird.

Ist der Jakobusweg eng mit christlichen Vorstellungen verbunden, so gilt das für den Sternenweg nicht in gleicher Weise. Jakobusweg und Sternenweg werden oftmals synonym verwendet. Doch der Sternenweg übte bereits weit vor der christlichen Pilgertradition eine besondere Faszination auf viele Menschen aus. Schon lange vor der vermeintlichen Entdeckung der Überreste des Apostels Jakobus pilgerten Menschen nach Fisterra (Finisterre), um hier am „Ende der Welt“ der Sonne zu huldigen und die Verbindung zum Himmel zu erfahren. Sie wurden zu diesem Ort geleitet, indem sie dem Lauf der Milchstraße, der Sterne und Planeten am Himmel folgten, also von Ost nach West. Das kann einer der Gründe sein, warum der Jakobusweg auch Sternenweg genannt wird.

Doch dieser äußere Sternenweg war von jeher zugleich eine Spiegelung des inneren Weges. Rudolf Steiner beschreibt den Sternenweg als einen Erkenntnisweg zu sich selbst. Er setzt den Camino in Beziehung zur Anthroposophie. Wer dem Sternenweg folgt, kann das zeitlose Mysterium des Sternenweges in sich selbst und im Weltenall entdecken: „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte, so wie der Camino, der Weg, einmal die Menschen vom Inneren ihres persönlichen Daseins an den Großen Ozean herangeführt hat, an die Fixsternwelt, an das Geistige im Weltenall. Das war die Gabe, die Compostela innerlich denen mitgegeben hat, die damals in den ersten Jahrhunderten den rechten Weg noch gehen konnten." [[x]]

 

Im Buch folgt hier ein Foto: Cabo Finisterre: Brandspuren von neuzeitlichen Feuerritualen

 

Römische Chronisten beschreiben einen imposanten Altar aus Stein, der zu Ehren des Sonnengottes der einheimischen Bevölkerung als zentraler Kultplatz diente. Es ist ein sagenumwobener Ort hoch über dem Meer, der Endpunkt der Pilgerschaft in Finisterre. Einige Steinplatten in der Nähe des Kaps weisen die Brandspuren von neuzeitlichen Feuerritualen zum Sonnenuntergang auf. In der Umgebung des Cabo Finisterre sind eine Reihe von Klöster, Kirchen und auch vorchristliche und prähistorische Kultorte zu finden.

Als ich Finisterre und die umliegenden Orte zum ersten Mal besuchte, da hatte ich das Gefühl, dass der Sternenweg nicht etwa an einem einzigen Ort endet, sondern dass vielmehr die gesamte Region seit Urzeiten eine Art heiliges Territorium ist. Die Fülle von megalithischen Kultstätten und die große Anzahl von geheimnisvollen und zugleich faszinierenden Felsritzungen aus prähistorischer Zeit (Petroglyphen) beeindruckten mich zutiefst. Es schien hier ein netzwerkartiges Geflecht von Wegen und Sakralorten zu geben. Später sollte ich herausfinden, dass viele andere Menschen den gleichen Impuls verspürten und dass einige wissenschaftliche Autoren dies auch durch nachprüfbare Fakten belegen konnten. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich der Jakobusweg offenbar aus älteren Vorstufen heiliger Wallfahrtswege aus vorchristlicher Zeit entwickelt hat. Der Historiker Michael Mitterauer weist in seiner sakraltopographischen Zusammenschau des Sternenweges auf die vorchristlichen Wurzeln hin. Er beschreibt das Netzwerk heiliger Pilgerwege und Pilgerorte als eine Ausprägung des vorchristlichen Wallfahrtswesens am „Ende der Welt“:

„Der Konnex zwischen St. Jakob und dem Sternenweg im Jenseitsglauben mittelalterlicher Christen verweist auf ältere Vorstufen. Heilige Plätze an der Atlantikküste – „in finibus terrae“, also am Ende der Welt gelegen – galten schon in vorchristlicher Zeit als Orte des Übergangs zur „Anderen Welt“. In der Verbindung von Finisterre mit Santiago de Compostela als zusätzlichem Ziel des Jakobswegs wirken solche Vorstellungen nach. Insgesamt sind Traditionen aus vorchristlicher Zeit in der Sakralkultur von Galicien, in der die Santiago-Wallfahrt entstanden ist, nachhaltig wirksam. Ohne diese Sakralkultur zu berücksichtigen, kann die Wallfahrt zum Grab des heiligen Jakob nicht befriedigend erklärt werden…

Es ist für Menschen von heute sicher eine sehr fremde Welt, zu der die Beschäftigung mit den Anfängen des Jakobswegs führt – der christlichen wie der vorchristlichen: heilige Orte besonderer Art, heilige Wege, auf denen sie zu erreichen sind, insgesamt eine Kultur der Heiligkeit in starkem Kontrast zur Vorstellungswelt der Gegenwart.“ [[xi]]

Damals wie auch heute steht der Sternenweg im Zusammenhang mit der Suche nach Antworten auf existentielle Fragen: „Pilgerweg bedeutet Lebensweg. Über Pilgern nachzudenken heißt über den je eigenen Lebensweg nachzudenken. Letztlich geht es um dessen Sinn und dessen Ziel.“ [[xii]]

 

Im Buch folgt hier ein Foto: Punta da Barca (Murxía), Nuestra Señora de la Barca

 

Nördlich des Cabo Finisterre, an der Punta da Barca (Murxía), erhebt sich die Ermita de Nuestra Señora de la Barca, eine Kirche, die von einigen Pilgern auf dem Sternenweg als das eigentliche Endziel der Pilgerreise durch Europa angesehen wird. Die heutige Kirche ist im 18. Jahrhundert erbaut worden. Doch schon lange vorher war dieser Ort als Kultort überaus bedeutsam.

Nuestra Señora de la Barca wurde auf einem der Hauptkultplätze am "Ende der Welt" errichtet. Einer Legende nach wurde die Kirche an dem Ort errichtet, an dem einst die Mutter Gottes erschienen sei. Mit einem Schiff aus Stein sei sie hier angekommen, um den Apostel Jakobus zu unterstützen. In der Nähe der Kirche ist ein etwa 60 Tonnen schwerer Stein zu sehen, der Pedra de Abalar (Schwingstein) genannt wird und den die Mutter Gottes bei ihrer Ankunft als Steg benutzt haben soll. Es handelt sich um einen Megalithen von 9 Metern Länge und einem Umfang von 30 Metern. Auch weitere Megalithen an der Punta da Barca tragen Namen, die an die steinerne Barke erinnern: Pedra dos Cadrís (Segelstein) und Pedra do Timón (Ruderstein).

Auch die Legenden der Überführung des Apostels nach Gallaecia stellen einen deutlichen Zusammenhang mit Stein- und Felskulten am „Ende der Welt“ her. Im ersten umfassenden Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert (in der Predigt „Veneranda dies“) wird die Legende der Ankunft des Jakobus mit einem felsenartigen Stein verknüpft. Demnach sei das Schiff mit dem Körper des Jakobus in Iria Flavia (El Padrón) gelandet und habe einen Felsen mitgeführt. Der Felsen des Jakobus sei daher von den Pilgern geziemend zu verehren. Nach der Ankunft sei der Körper auf dem Felsen gelagert worden und es wurden Kulthandlungen auf dem Stein durchgeführt. Die Verehrung des Felsensteins wird in der mittelalterlichen Predigt besonders hervorgehoben, auch da an diesem Felsen nach der Ankunft des Apostels das eucharistische Opfer gefeiert worden sei. [[xiii]] [[xiv]]

 

Im Buch folgt hier ein Foto: Punta da Barca (Murxía), Nuestra Señora de la Barca

 

Das vorchristliche Legendenmotiv der Heiligen, die auf einem steinernen Schiff in der Welt der Lebenden anlanden, ist an der Atlantikküste Nordwesteuropas ebenso verbreitet wie in Galicien. Hier sind es vor allem Punta da Barca, El Padrón und auch San Andrés de Teixido, wo diese Legenden heute noch erzählt werden.

Bei meinen Reisen auf dem Sternenweg in Nordspanien und der Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte des Sternenweges und des Jakobsweges festigte sich in mir eine Überzeugung, die zu einer Grundannahme für meine weiteren Recherchen wurde:

Die Ursprünge des Sternenweges gehen ganz offensichtlich auf vorchristliche, ja sogar prähistorische Zeiten zurück, bei denen Felsen- und Steinkulte eine herausragende Bedeutung hatten.

Der Jakobskult, mit der Vorstellung einer Predigttätigkeit des Apostels Jakobus in Hispanien und mit der erfundenen Geschichte der Grablegung des Jakobus in Santiago de Compostela, geht auf kirchenpolitische und herrschaftspolitische Interessen zurück. Doch um die Essenz des Sternenweges zu verstehen, reichten meine Recherchen zu den Ursprüngen nicht aus. Da musste es noch mehr geben. Denn: Erinnerungen an alte Kulte und politische Interessenkonstellationen vergehen, doch was macht die Faszination für den Sternenweg im Kern aus? Was ist es, dass dazu geführt hat, die Begeisterung für den Sternenweg über Jahrtausende zu erhalten und in unserer Zeit sogar in einer Weise aufleben zu lassen, dass nun immer mehr Menschen von überall her „von Meer zu Meer wandernd dorthin pilgern“?

Eins ist mir rückblickend deutlich geworden: Für jeden Menschen, der sich auf die Reise begibt, hält der Sternenweg eine Antwort bereit. Wer sich auf die Suche begibt, der findet, wonach er sucht, selbst dann, wenn ihm nicht bewusst ist, dass er sich auf einer Suche befindet. Meine persönliche Reise führte mich schon einige Jahre bevor ich in Finisterre war an einen Ort auf dem Sternenweg, an dem ich eine Art „Zeitreise“ in eine für mich zunächst unbekannte, längst vergessene Welt machte: der Monte Sueve.

...

 


[i] Die Angaben über das Jahr der Entdeckung des Grabes sind uneinheitlich. Die angebliche Entdeckung des Jakobusgrabes erfolgte demnach im Zeitraum zwischen 812 und 834.

 

[ii] Im Jahre 2017 hat die UNESCO alle erhaltenen Kopien des Liber Sancti Jacobi in das Verzeichnis des Weltdokumentenerbes aufgenommen. Damit soll dieses Dokument gesichert und vor dem Vergessen und der Zerstörung bewahrt werden. Das Bewusstsein für die Bedeutung des Dokumentenerbes der Menschheit soll mit diesem UNESCO-Programm gestärkt werden.

 

[iii] Auszüge aus dem Liber Sancti Jacobi: Die Predigt „Veneranda dies“; in: Klaus Herbers (Hg.): Der Jakobsweg: Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert, Stuttgart, 2008, Seite 25

 

[iv] Auszüge aus dem Liber Sancti Jacobi: Die Predigt „Veneranda dies“; in: Klaus Herbers (Hg.): Der Jakobsweg, a.a.O., Seite 25

 

[v] Vgl.: Michael Mitterauer: St. Jakob und der Sternenweg: Mittelalterliche Wurzeln einer großen Wallfahrt, Wien, 2014, Seite 85f

 

[vi] Vgl.: Auszüge aus dem Liber Sancti Jacobi: Die Predigt „Veneranda dies“; in: Klaus Herbers (Hg.): Der Jakobsweg, a.a.O., Seite 25f

 

[vii] 1. Petrus 2,11; Vgl. auch das Johannesevangelium 15,19 und 17,14-18

 

[viii] Hispania (Hispanien) war in der Antike die lateinische Bezeichnung für die Iberische Halbinsel.

 

[ix] Vgl.: Michael Mitterauer: St. Jakob und der Sternenweg, a.a.O., Seite 29ff

 

[x] Manfred Schmidt-Brabant und Virginia Sease: Compostela - Sternenwege alter und neuer Mysterienstätten, Dornach CH, 1999, Seite 104

 

[xi] Michael Mitterauer: St. Jakob und der Sternenweg, a.a.O., Seite 194

 

[xii] Michael Mitterauer: St. Jakob und der Sternenweg, a.a.O., Seite 195

 

[xiii] Vgl.: Auszüge aus dem Liber Sancti Jacobi: Klaus Herbers (Hg.): Der Jakobsweg, a.a.O., Seite 13

 

[xiv] In der Kirche von Santiago de Padrón ist ein römischer Meilenstein zu sehen, an dem der Legende nach das Schiff mit dem Körper des Jakobus festgemacht haben soll.

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