Eibenland - Das Vermächtnis des Weltenbaums

Der Baum des Lebens

Die Eibe gilt als die älteste Baumart Europas. Schon vor 200 Millionen Jahren war der triassische Vorläufer der Gattung Taxus weit verbreitet. Die Europäische Eibe (Taxus baccata) entstand vor 15 Millionen Jahren. 

 

Der immergrüne Baum kann mehrere tausend Jahre alt werden. Alte Eiben können sich neu gebären, zum Beispiel durch Innenwurzeln, die den alten Stamm ersetzen. Der genetische Code dieser lebendigen uralten Organismen bleibt dann über Jahrtausende derselbe, die äußere Erscheinung verwandelt sich.

 

Die Eibe ist Symbol des ewigen Lebens und besitzt durch ihre toxischen Säfte die Macht über Leben und Tod. In Asturien ist die Eibe schon seit vorchristlicher Zeit einer der wichtigsten mythologischen Bäume. Als Tejo, Texu, Tixu oder Teixo ist die Eibe in Asturien bekannt (engl. Yew Tree). Die Kraft heiliger Eibenhaine und einzelner alter Eibenbäume wurde in Asturien von den Kelten und auch schon von den Menschen der Bronzezeit und der Steinzeit dazu genutzt, über den Geist der Bäume Kontakt mit dem Jenseitigen aufzunehmen. Die Eiben waren Symbol der Verbindung zu den Ahnen. Unter den Eiben traf der Ältestenrat wichtige Entscheidungen und im Schutz der Eiben wurden die Toten zum Licht getragen. 

 

Für die Kelten war die Eibe ein heiliger Baum. Sie stand für das Ende des keltischen Jahresrades, für den letzten Tag vor der Wintersonnenwende, der Neugeburt des Lichts. Aus Eibenholz wurden die Wahrsage- und Zauberstäbe der keltischen Druiden geschnitten.

 

Mit der Christianisierung wurden an heiligen Orten oft Kapellen, Kirchen und Klöster errichtet. In Asturien sind Eiben auch heute noch an vielen Kapellen, Kirchen und an alten gemeinschaftlich genutzten Plätzen zu finden. Wer Kraftorte auf dem Sternenweg in Asturien entdecken möchte, der folge der Eibe. Einige Einzelexemplare stehen als Naturdenkmal unter besonderem Schutz.

Der Weltenbaum

In Asturien leben Ehrfurcht erregende uralte Eiben. Asturien könnte auch als das "Land der Eiben" bezeichnet werden.

 

In Europa nehmen die Eibenbestände seit dem Raubbau im Mittelalter stark ab. Alte Eibenbestände sind vom Aussterben bedroht.

 

"Die letzten Standorte uralter Eiben in Westeuropa sind eine Art wahrer Arche Noah. Diese Bäume sind nicht nur mit örtlichem oder regionalem Maßstab zu messen, sondern sind von weltweiter Bedeutung." (Fred Hageneder, Die Eibe in neuem Licht, Saarbrücken, 2007, Seite 95)
 

Der Ethnobotaniker Fred Hageneder ist davon überzeugt, dass der mythische Baum des Lebens, der Weltenbaum, eine real existierende "Vorlage" hat: Die Eibe.

 

Der Baum des Lebens ist ein mythologisches Motiv. In christlicher, islamischer und jüdischer Tradition ist er im Zentrum des Paradieses zu finden. Er symbolisiert in seiner Essenz die Einheit der Welt und die Verbundenheit von allem.

 

Das Licht des Sueve

Die größten Eibenbestände der iberischen Halbinsel und einer der ältesten Eibenbestände Europas sind in der Sierra del Sueve erhalten geblieben.

 

An manchen Stellen bricht die Eibe hier aus den tiefen Klüften des nackten Kalksandsteins hervor und verzweigt sich im schlangenartig verwobenen Wurzelgeflecht. Dann vereinen sich die Schlangenwurzeln und wandeln sich zu einem mächtigen Stamm eines sich majestätisch erhebenden Kunstwerks der Natur.

 

Der einzigartige Eibenwald des Monte Sueve kann als der „Heilige Hain des Sueve“ bezeichnet werden. In ihm befinden sich markante Lichtungen, die von Eiben umgeben sind. Dies sind klassische Ritualplätze.

 

Das "Licht des Sueve" spiegelt sich über diesem Wald zuweilen in einer Weise, als ob die Erdseele ein Tor zum Himmel öffnet.

 

Die prächtigen Farbenspiele der Sonne sind hier jeden Tag neu. Manchmal leuchtet der Sueve wie eine einzige Lichtsäule, die aus dem Innern der Erde bis hinauf in den Himmel zu strahlen scheint. Das Strahlen verteilt sich in alle Himmelsrichtungen. Bis zum Horizont erstrahlt dann das Licht des Sueve. Zuweilen scheint es, als ob das Licht des Sueve auch das innere Licht des Betrachters entfachen kann, selbst dann, wenn das Sonnenlicht nur kurzzeitig durchdringt und die Wälder der Sierra del Sueve zu feuchten Nebelwäldern werden und der typische feine Nieselregen das Grün tränkt.

 

Ignacio Abella gelingt es in seinen von einem poetischen Klang erfüllten Beiträgen und Fachbüchern den Monte Sueve, seinen Eibenwald und seine uralten Baumwunder, metaphorisch gesagt, selbst zu Wort kommen zu lassen, als ob er die Sprache der Bäume fühlen und ihre Weisheit und ihre Botschaft in die Sprache der Menschen übersetzen kann. Ein Beispiel dafür ist sein einzigartiges Schriftmonument „La memoria del bosque“, inspiriert von den uralten Eiben und den Wäldern des Monte Sueve. (Ignacio Abella: La memoria del bosque, Barcelona, 2007)
Weitere Veröffentlichungen von Ignacio Abella: La Cultura del Tejo, Valladolid, 2009; Tejedas del Sueve, Colunga, 2009; El bosque sagrado. Creencias, mitos y tradiciones de los pueblos cantábricos, Torrelavega, 2017
 

Der Ruf der Eiben

Der Eibenwald des Monte Sueve entpuppte sich nach der Veröffentlichung eines Manifestes zum Schutz der Eiben im Jahre 2009 als ein in Europa einzigartiges Relikt einer lange vergangen Zeit. Plötzlich stand der Eibenwald des Monte Sueve im Fokus der an diesem Thema interessierten internationalen Forschergemeinschaft. Biologen glaubten zunächst nicht an die Existenz eines solchen Ortes in Europa, bis neue Forschungsergebnisse es nun bewiesen haben. Es handelt sich um einen der ältesten Eibenbestände des Planeten und damit auch um einen genetisch unermesslich wertvollen Wald. Der Eibenwald ist aus einer Vielzahl von Gründen hoch gefährdet, obwohl er eigentlich als Teil des europäischen Schutzgebietes (Natura 2000 - ES1200043) geschützt sein sollte.

 

Für viele Jahre versuchten einige Waldschützer dieses märchenhaften Relikt aus einer längst vergangen geglaubten Zeit durch Stillschweigen zu erhalten (dazu gehörte auch der Autor dieser Internetseite). Möglichst wenige Personen sollten von diesem einzigartigen Erbe der Menschheit erfahren. Doch die Ignoranz und Nichteinhaltung bestehender Schutzvorschriften verschlimmerten die Situation des Eibenwaldes noch weiter. Lokale Behörden genehmigen inzwischen sogar Großevents im Herzen des Eibenwaldes und der bisherige vorläufige Schutzring, der den Eibenwald mit umliegenden Schutzräumen vernetzen könnte, soll demnächst ganz aufgelöst werden (Paisaje Protegido de la Sierra del Sueve, 81 km²). Eine 4-spurige Schnellstraße und profitträchtige Nutzungsformen könnten den Eiben schon bald zum Verhängnis werden. 

 

Als wieder einmal weite Teile der Sierra del Sueve durch Brandstiftung bis nahe an den Eibenwald in Flammen standen, da hörte ich in mir einen Aufschrei der uralten Eiben des Monte Sueve, einen alles durchdringenden Urschrei der Natur - wie ein Ruf der Erde.

 

Heute bin ich zu der Überzeugung gelangt: Die Wertschätzung dieses Eibenwaldes und auch die Würdigung der Heiligkeit dieses Waldes dienen der Bewahrung der Eiben und ihres Lebensraumes. Dafür muss der heute noch erhaltene Rest dieses Eibenwaldes als planetares ökologisches Juwel lokal, regional und international bekannt werden. 

 

Es ist ein Wunder, dass dieser Eibenwald mit seinen majestätisch in den Himmel hinaufragenden teils uralten Eiben bis heute erhalten geblieben ist. Das liegt auch an seiner Lage. Der Aufstieg ist schwierig und insbesondere für ortsunkundige Wanderer gefährlich. Häufige Nebeleinbrüche und tiefe Spalten im karstigen Fels lassen es nicht ratsam erscheinen, den Versuch zu unternehmen, den Eibenwald des Monte Sueve auf eigene Faust zu erkunden. 

Das „Centro de Interpretación de la Sierra del Sueve“ bietet geführte Wanderungen an und vermittelt Bergführer für Wanderungen in der Sierra del Sueve. Ab dem Zentrum beginnt eine der möglichen Routen hinauf zum Eibenwald des Monte Sueve. Jeder Besuch eines Eibenwaldes erfordert Respekt vor diesem Wunder der Natur und natürlich die Einhaltung der Schutzvorschriften.

Buchtipps:

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